Affaire Blum“ – ein Schwarz-Weiß-Film aus einem Guß. Logisch, packend im Ablauf, dicht in der Atmosphäre, künstlerisch bedeutend in der Intensität der nahtlos aneinandergefügten effektvollen Bilder (Kamera Friedl Behn-Grund), bestechend in der starken schauspielerischen Besetzung, inszenierte Erich Engel diesen Stoff (Drehbuch R. A. Stemmle), der ihn seit langem beschäftigte: den berüchtigten Justizskandal der Weimarer Republik, der in den zwanziger Jahren in Mitteldeutschland mit der Ermordung eines Buchhalters begann. In großer Aufmachung berichteten die Zeitungen davon, die Behörden griffen ein, der Landtag nahm Stellung, denn des Mordes verdächtigt wurde der jüdische Fabrikant Blum (in Wirklichkeit Haas) und die antisemitische Untersuchungskommission ließ sich für politische Zwecke mißbrauchen. Sensationell war die Entlarvung des wahren Täters, sensationell waren die politischen Hintergründe, in denen sich die Wurzeln zu jener brutalen „Rechtsfindung“ nach dem „gesunden Menschenverstand“ abzeichneten, der durch und durch krank war und den deutschen Rechtsstaat vernichtete.

Dieser dokumentarische Streifen ist eine Abrechnung mit jenen verbohrten und verkommenen Kreisen, die den Nazis in den Sattel halfen. Er erhielt seine stärksten Momente durch die charaktervolle Figur des Juden Blum in der noblen Darstellung von Kurt Erhardt und durch seinen überzeugenden Einsatz für Recht und Wahrheit. Aber er vermeidet nicht die billige Verallgemeinerung und Simplifizierung. Es ist ein Film in Schwarz-Weiß, wir sagten es schon. Alle Personen um die Partei Blum sind helle Lichtgestalten, klug, menschlich, sympathisch. Ja, sogar der Mörder erregt Mitgefühl und ist eigentlich ein Opfer. Alle von der Gegenseite sind dunkel, dumm, teuflisch, verbrecherisch (hier karikierten und übertrieben die Schauspieler mit Genuß. Ein Genuß, es zu sehen!) Tragischerweise war alles In Wirklichkeit schwerer durchschaubar, viel schwerer als hier die dicke Tendenz in Schlagworten: für die Juden, für die Kommunisten, für die Unterdrückten, für die Spießer, für einen Kapitalisten (Blum); gegen die Nazis, gegen die Korpsstudenten, gegen die Spießer, gegen die Kapitalisten. Alles in Bausch und Bogen.

Die These Upton Sinclairs, nach der die Kunst Immer Propaganda ist, ob gewollt oder nicht, hat ihre Anerkennung und Anwendung gefunden: Die Sowjets schufen (oft meisterhaft getarnte) Propagandafilme, die Nazis drehten solche Filme, die Defa folgt diesem Rezept. Es ist außerordentlich bedauerlich bei diesem Film (er läuft jetzt im Capitol und in dem Urania-Lichtspielhaus, Hamburg), der ohne Übertreibungen in der Stärke seiner humanen Grundidee von edelster Wirkung hätte sein können.

Erika Müller

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Tiere, liebevoll beobachtet, sind vor der Kamera meist unwiderstehlich. Darum ist es eigentlich schade, daß der geduldige und phlegmatische kleine Schnauzer „Amico“ in dem gleichnamigen Film – dem ersten der Göttinger Domnick-Produktion – keine größere Rolle spielt. Er ist nur der unschuldige Anlaß für den Konflikt zwischen seiner Herrin, einer einsam gewordenen alten Schauspielerin, und ihrem neuen Hauswirt, der in seinem Konditoreibetrieb keinen Hund dulden will. Das Drehbuch von Hans Domnick und Gerhard T. Buchholz (der auch Regie führt) erzählt, wie der ergrimmte Konditor reibesitzer durch eine Reihe von Umständen zuletzt anderen Sinnes wird. Der hübsche Stoff hätte bei feinerer psychologischer Durcharbeitung und einf allsreicherer Milieu-Schilderung ein heiteres Kammerspiel ergeben können nach Art von Lubitschs köstlichem „Rendezvous nach Ladenschluß“. Statt dessen griffen die Autoren herzhaft in die Flimmerkiste und förderten bewährte Filmrequisiten zutage: zum Beispiel ein Barbetrieb mit verführerischer Chansonette, die in Gestalt von Kirsten Heiberg einen von Majewsky komponierten Song charmant, aber nicht immer verständlich vortrug. So wurde es denn nur ein harmloser und sauberer Unterhaltungsfilm, liebenswürdig in den humoristischen Szenen und wohldosiert in der Zutat von Gemüt.

Otto Wernicke gab in nuancenreichem Spiel den Konditoreibesitzer mit der rauhen Schale und dem goldenen Herzen Margrit Kay war sein gutherziges Töchterchen. Margarete Hagen ließ auch als alte Frau den Charme und die Überlegenheit der einstigen Diva durchscheinen. Das unbezähmbare Mundwerk von Grethe Weiser und die Oberkellner-Beflissenheit von Hubert v. Meyerinck gaben kleinen Rollen schärferes Profil.

Gertrud Runge