Das erste ERP-Jahr, am 3. April beendet, wurde verabschiedet mit einer stattlichen Fülle von Erfolgsberichten, Rückschauen und Prognosen in Amerika und Europa. Der Tenor aller Berichte lautet: Das Jahr hat der westeuropäischen Wirtschaft im allgemeinen einen weit glücklicheren Verlauf gebracht als erwartet. Dafür sind die englischen und französischen Pressekommentare ein deutliches Barometer. Vor einem Jahre war es noch Ehrensache, dem Marshall-Plan bei aller Zustimmung mit einer gewissen Reserve und leichter Skepsis gegenüberzutreten. Die tatsächliche Produktionsentwicklung hat dazu geführt, diese Einstellung gründlich zu revidieren.

Die Industrie-Erzeugung hat in allen ERP-Ländern – außer Westdeutschland – heute den Vorkriegsstand erreicht, in sechs Staaten (Belgien, Dänemark, Holland, Norwegen, Schweden und England) sogar schon beträchtlich überschritten. Die Produktion der Doppelzone liegt zwar noch unter dem Friedensstand, konnte aber seit 1947 den größten Anstieg verzeichnen.

Ein weiterer Gradmesser für die Wirksamkeit der Marshall-Hilfe ist die Verringerung des Dollardefizits in den Zahlungsbilanzen der europäischen Staaten. Hier steht Schweden an der Spitze. Seine Dollarlücke beträgt nur noch ein Zehntel des Vorkriegsstandes. England und Belgien-Luxemburg haben ihr Dollardefizit um 65 v. H. reduzieren können, Frankreich und Italien um 35 und 40 v. H. Durchschnittlich ist das Dollardefizit in ERP-Europa um ein Drittel gesenkt worden. Der Erfolg des ersten ERP-Jahres wird in einem Londoner Kommentar als ein „Sieg im kalten Krieg“ bezeichnet. Dieser Sieg wurde freilich errungen, obwohl das Tempo des Nachschubs in die vorderste Linie – lies: die Westzone – sehr zu wünschen übrig läßt. 520 Mill. $ sind der Doppelzone für die ersten 15 Monate des Marshall-Plans (bis zum Juni 1949) zugebilligt worden. Bis zum 15. März waren nur über 248 Mill. $ Verträge abgeschlossen, und die tatsächlichen Lieferungen machten sogar nur 154 Mill. aus. Ist deshalb aber die Folgerung alliierter Kritiker gerechtfertigt, daß die Zuteilungen für die Bizone zu großzügig seien, um überhaupt ausgenutzt werden zu können?

Daß von einer wirklichen Sättigung oder gar Übersättigung des Inlandsmarktes keine Rede sein kann, ist bekannt. Allenfalls ist eine Verlagerung von industriellen Rohstoffen und Konsumgütern zu Investitionsgütern angebracht. Man glaubt in Amerika mitunter, daß „die wachsende Deflationstendenz“ in Westdeutschland für weitere Einfuhren den Binnenmarkt verstopfe. Dabei wird regelmäßig vergessen, daß gerade die D-Mark-Gegenwerte der ERP-Lieferungen und der GARIOA-Zufuhren immer noch der Freigabe harren und jederzeit als Investitionskredite eingesetzt werden können, um die (sogenannte) Deflation abzubremsen.

Die langsame Realisierung der ERP-Zuteifangen für Westdeutschland hat also durchaus nichts mit freiwilliger Selbstbeschränkung der Einfuhren zu tun. Schuld trägt allein der lange Instanzenweg der ERP-Dollars bis zur effektiven Lieferung. Er beginnt mit der Aufstellung von Wirtschaftsplänen in jedem europäischen Emplängerland. Diese Pläne werden von der OEEC in Paris mit denen der anderen Länder abgestimmt. „Abgestimmt“ ist freilich ein milder Ausdruck für die Kämpfe, die dabei stattfinden. Der westdeutsche Anteil war ja besonders heftig umstritten; seine Höhe ist erst einer amerikairischen Intervention zu verdanken. Von Paris aus geht der europäische Wunschzettel an die ECA in Washington weiter. Sie teilt die bewilligten Beträge nach und nach zu. Auf Grund der bewilligten Dollars können die Empfängerländer sich nun nach Einkaufsmöglichkeiten umsehen und Verträge abschließen, die der ECA vorgelegt werden. Und dann endlich kann geliefert werden ...

Die meisten Emfängerländer brauchen diesen langen Weg freilich nicht Phase für Phase zu absolvieren. Sie betreiben ihren Außenhandel ja in eigener Verantwortung. Sie sind nicht darauf angewiesen, erst nach der Zuteilung in Washington auf die Suche nach Lieferanten zu gehen. Sie fügen ihrem Antrag in Washington in der Regel schon fertig entworfene Verträge bei oder lassen fertige Abschüsse einfach auf ERP „umschreiben“.

So hinkten wir von Anfang an nach. Die Rohstoffschwemme, welche der Industrie heute zugute kommt, hätte eigentlich schon im vorigen Spätsommer kommen müssen, um den schnellen Erfolg der Währungsreform zu unterstützen.

Die Bilanz des ersten ERP-Jahres ist also keineswegs frei von Schönheitsfehlern. Ein weiterer Passivposten: die nur langsamen Fortschritte der wirtschaftlichen Zusammenarbeit der ERP-Staaten unter Aufsicht der OEEC in Paris. Dabei muß gerade die europäische Zusammenarbeit einen schweren Wettlauf mit der Zeit gewinnen. 1952 wird der Dollarstrom verebben; dann „soll“ Europa wirtschaftlich auf eigenen Füßen stehen. Die erhoffte Verlängerung des Marshall-Plans ist ja unwahrscheinlich geworden. Während Europa noch auf die Lieferungen aus dem ersten ERP-Jahre wartet, hat Washington schon neue Ideen. Der Truman-Plan zur Entwicklung wirtschaftlich unentwickelter Gebiete hat zum Beispiel für Afrika bereits greifbare Gestalt gewonnen. N.