Erzählung von Corrado Alvaro

Vocesana und Primante waren geschworeneFeinde; Als Nachbarn hausten sie Hof an Hof: ein Übel, denn in den Dörfern sahen und hörten die Wände. Am Abend sprach Primante mit tiefem Baß zwar sein Gebet, wie jeder gute Christ im Dorf, tagsüber aber hörte man seine grobe Stimme scheltend und fluchend durch die Stuben schallen. Vocesana dagegen war aus besserem Holz, gutmütig, ein freund und Helfer für jedermann, ein Mensch, der gern Feste feierte und sich an Gottes Erde und ihrem reichen Früchtesegen freute.

Gemeinsam besuchten die beiden nur einen Ort: die Kirche. Aber auch dort waren sie Gegner. Vocesana sang im Kirchenchor den Tenor, und Primante kam ihm mit seinem Baß in die Quere. Wie Tauben, die sich gleichzeitig zum Fluge aufschwingen, erhoben ihre Stimmen sich zum Kyrie. Aber während Vocesanas Gesang zur Höhe brauste, jauchzend und jubelnd, ab wollte er durch die hinten Scheiben der Kirchenfenster bis ins Blau des Himmels dringen, irrte Primantes Stimme dumpf und verloren in der Tiefe umher.

Die härtesten Kämpfe, die ihren sonstigen Hader an Erbitterung übertrafen, fochten die beiden zu Ostern aus. Wenn in der Karfreitagsprozession einer der Gläubigen das Kreuz tragen und ein anderer den Folterknecht machen sollte, arteten Zank und Streit im Dorf oft aufs gefährlichste aus. Da wollte jeder Erlöser sein, im weißen Hemd und Purpurmantel, auf dem Haupt die aus Dornen und Reben geflochtene Leidenskrone. Als Kreuzträger war bisher immer Primante aus der Auslosung hervorgegangen. Doch in diesem Jahr, nach einer Woche voll scheeler Blicke und heimlicher Machenschaften, fiel das Los auf Vocesana, am Gründonnerstag. Bis tief in die Nacht hinein, während die Hirten auf dem Marktplatz das Kaiphasfeuer schürten, hallte das Dorf wider von frommen Weisen, aus denen Vocesanas Tenor hell und hoch hervortönte, fast wie ein Hahnenschrei.

Am Karfreitag, in den Abendstunden, nahte aus den Tiefen des Gotteshauses die Prozession, ohne Glockengeläute, traurig anzuschauen. Die Sonne war umwölkt, der Bergwind ließ die schwarzen Decken, die von Fenstern and Balkonen herabhingen, wie Leichentücher durch die Straßen wehen. An der Spitze des Zuges, in zerknirschten Haltung, erschien zunächst ein Büßer in härenem Gewand. Auf seiner Brust schimmerte hellrot ein Tropfen Blut. Sobald er auf den Platz hinaustrat, mischte sich in das Flattern der Decken und Tücher ein dumpfes Gemurmel aus der Menge, die das Mitleid des Himmels auf den armen Sünder herabflehte.

Dann tauchten, die riesigen Kreuze tragend, zwölf Meßknaben auf: klein, in kindlicher Unschuld, von blühendem Weinlaub umkränzt. Der harte Geißelschlag der weltlichen Gewalt, der für einen Tag den überirdischen Ruf der festgebundenen Glocken ablöste. knallte über den weiten Platz. Nun erschien im weißen Hand und Purpurmantel, tiefgebeugt unter der Kreuzesbürde,Vocesana. Im Schwarz des Bartes, den er sich tagelang nicht hatte schneiden lassen, wirkte sein Gesicht hohlwangig und bleich: ein Antlitz des Leidens, gramdurchfurcht, in das schneeweiß die Zipfel des um den Kreuzbalken geschlungenen Schweißtuches hängen. Es lastete zentnerschwer auf seinen Schultern, dieses Kreuz, und schleifte auf dem Boden nach, eine Zickzackspur in den Staub grabend.

Hinter ihm, das Haupt hochmütig geredet, überschritt Primante die Kirchenschwelle, hohe mit dem doppelt geschlungenen, mit Nägeln gespickten Seil zum Schlage aus und ließ es unbarmherzig auf den zurückblickenden Kreuzträger herabsausen. Die Menge stimmte das Miserere an. Auch Vocesana versuchte mitzusingen, aber seine Stimme brach unter der Last des Kreuzes und erstickte röchelnd in seiner Kehle. Wieder schwang der Folterknecht die Geißel und peinigte ihn mit klatschenden Hieben. So lautete sein Auftrag, so schrieb-sein Amt ihm vor. Wie das Kreuz einschneidet, dachte Vocesana, strauchelte beim zweiten Geißelhieb und brach in die Knie. Als er sich aufrichten wollte, stieß er mit dem Kopf gegen den Kreuzbalken, und ein Dorn der Krone bohrte sich in seine Stirn. Keuchend, ohne daß eine hilfreiche Hand sich rührte, faßte er wieder Stand und rückte taumelnd das Kreuz zurecht, zwischen Hals und Schulterblatt. Dann, als er das schweißige Gesicht, das um die Augen wie Feuer brannte, zögernd hob, erblickte er seinen Peiniger. Ins Riesige gewachsen erschien ihm mit einemmal Primantes Gestalt, und unwillkürlich blieb sein Blick an der Hand haften, die das Seil umklammerte, zottig behaart wie eine Bärenpranke. Oft genug hatte er als Knabe mit ihr gespielt, und unter dem Einfluß der Erinnerung formte sie sich in seinem Geiste um, zu einer Zwergenhand mit verkrüppeltem Mittelfinger und schuppigem, gespaltenem Daumen.