Portugal, das sich seiner geschichtlichen Tradition entsprechend, immer mehr als atlantische Macht denn als europäisches Land gefühlt hat, war zunächst gar nicht sonderlich beglückt über die nach seiner Ansicht reichlich, verspätete Aufforderung, dem Atlantikpakt beizutreten und hat sich erst in letzter Stunde dazu entschlossen. Man hatte eigentlich angenommen, daß Salazar mit Rücksicht auf den iberischen Freundschaftsvertrag von 1939 den Beitritt ablehnen würde, weil Madrid sein Mißfallen sehr deutlich zum Ausdruck brachte. Daß Lissabon sich schließlich nach längeren Verhandlungen mit dem iberischen Partner doch dazu entschlossen hat, mag darauf hindeuten, daß auch Spanien in dieser Lösung einen indirekten Vorteil erblickt; jedenfalls hat Portugal die Respektierung des Freundschaftsvetrages zur Vorbedingung für die Beitrittserklärung zum Atlantikpakt gemacht.

Das im Juni 1946 erschienene portugiesische Weißbuch, in dem die während des Krieges zwischen der Regierung und den angelsächsischen Botschaftern in Lissabon geführte Korrespondenz veröffentlicht wurde, gibt ein anschauliches Bild von der strategischen Bedeutung der portugiesischen Häfen und Inseln. Auf Grund der damals zustande gekommenen Abkommen haben die USA im der Azoreninsel Santa Maria einen riesigen Luftstützpunkt errichtet, der heute den einzigen Großflughafen im Atlantik darstellt. Santa Maria ist nach dem Kriege an Portugal zurückgegeben worden, aber die USA haben auf Grund eines Vertrages weiterhin ein Landerecht und unteralten auch noch amerikanisches Personal dort.

Die Kanarischen Inseln, die sich im spanischen esitz befinden, die großen Flugplätze in Spanisch-Marokko, in Madrid, Barcelona und Sevilla, die auf Grund eines amerikanisch-spanischen Abkomsens 1944 erweitert und für schwere Bomber „gebaut wurden, sind sicher im europäischen Verteidigungssystem nicht weniger wichtig. Und eben dies ist der Grund dafür, daß das US-Verteidigungsministerium mit sehr eindeutigen Argumenten die moralpolitischen Gesichtspunkte des State department zu widerlegen versucht. Seit im Herbst Senator Gurney, der Vorsitzende der Militärkommission des Senats, in Madrid mit Franco und dem Chef des spanischen Generalstabs verhandelt hat, haben viele durchreisende amerikanische Generale Madrid einen Besuch abgestattet. Vor kurzem hat nun auch Unterstaatssekretär Drusk vor dem amerikanischen UNO-Ausschuß erklärt, daß es zweckmäßig sei, Spanien an den UNO-Organisationen teilnehmen zu lassen, weil es dadurch mehr Verpflichtungen als Rechte übernähme.

Von den europäischen Ländern sind einstweilen Frankreich, Belgien und die Labourregierung noch konsequent gegen die Aufhebung des Boykotts, während englische Konservative immer häufiger eine Lanze für Spanien brechen. Es wird geltend gemacht, daß die westlichen Demokraten in den Oststaaten ja auch diplomatische Vertreter unterhielten und es darum nicht einzusehen sei, warum die Botschafter nicht, nach Madrid zurückkehren sollten. Aus analogen Gründen könne man Spanien nicht – länger die Mitgliedschaft in der UNO versagen. Es sei ferner nicht zu verstehen, warum Deutschland und Italien, die gegen Amerika und England Krieg geführt haben, an der Marshall-Hilfe beteiligt werden, während Spanien, das immer neutral war und Wirtschaftliche Hilfe dringend benötige, leer ausgeht. Und schließlich heißt es:-wenn man – die Möglichkeit eines Krieges mit Rußland ins Auge faßt, sollte man das einzige europäische Land, das sich von der Fünften Kolonne praktisch befreit hat, nicht aus der Verteidigungsfront ausschließen.

Es ist anzunehmen, daß die südamerikanischen Staaten, vermutlich von den arabischen Ländern unterstützt, bei der zur Zeit tagenden Vollversammlung den Antrag stellen werden, die UNO-Entschließung vom Dezember 1946, mit der der diplomatische Boykott über Spanien verhängt wurde, aufzuheben. Die Zeit hat bisher für Franco gearbeitet und die politische Konstellation ist ihm durchaus hold. Wirtschaftlich befindet sich das Land allerdings zufolge der langen Isolierung in einer so ungünstigen Lage, daß Franco dem amerikanischen Geschäftsträger Culbertson erklärt hat, wenn er keine amerikanische Unterstützung bekomme, könne er Ruhe und Ordnung nicht länger garantieren. In Amerika fällt diese nicht ungeschickte Beschwörung des Chaos auf fruchtbaren Boden, während die europäischen Widersacher darauf hinweisen, daß gerade dies der Moment sei, das Franco-System gewissermaßen abzuwürgen, gerade jetzt dürfe man nicht einlenken.

Auffallenderweise ist der Vatikan in letzter. Zeit sehr betont von Franco abgerückt. Alle spanischen Bischöfe haben aus Rom die Weisung bekommen, das Regime General Francos in keiner Weise zu unterstützen und auf keinen Fall den Eindruck entstehen zu lassen, daß die spanische Kirche sich mit der Regierung in Spanien in irgendeiner Weise identifiziert. Und als eine Verschärfung der monarchistischen Opposition muß es wohl gedeutet werden, daß die Bitte Francos, der junge Kronprinz, der in Madrid erzogen wird, möge an seiner Seite, die große Parade am Jahrestag der siegreichen Beendigung des Bürgerkrieges abnehmen, von Don Juan abgelehnt wurde. Die nächsten Monate werden für Franco sehr entscheidend – sein. Zunächst aber bleibt es noch bei dem seltsamen Zustand, daß die beiden Eckpfeiler des atlantischen Verteidigungssystems, die iberische Halbinsel und Skandinavien, jeder nur auf einer Schulter die schwere Last des Brückenkopfes tragen. Dönhoff