Von Felix Dassel

Ein Märchen: Es war einmal ein junger, etwas tolpatschiger König in einem großen, großen Reich, der nicht besser und nicht schlechter, nicht klüger und nicht törichter war als andere Könige. Aber er war umgeben von einem Kollektiv listiger und machthungriger Zauberer, die eines Nachts alle Fenster des Palastes zugemauert, alle Türen verrammelt, alle Lampen gestohlen und die Majestät damit glauben gemacht hatten, sie sei erblindet. Nach einiger Zeit – der junge König hatte das Sehenswerte aus seiner Kindheit vergessen – verpaßten ihm die Zauberer eine Wunderbrille und ließen wieder gerade soviel Licht hinein, daß er einige Konturen im Palast und auch draußen unterscheiden konnte, aber nur in der Verzerrung, wie sie die Vexierbrille erlaubte. Die Zauberer konnten nun lustig drauflosregieren, denn die, wie gesagt, etwas tolpatschige Majestät sah ja nur das, was sie wollten. Um ganz sicher zu sein, umgaben die Zauberer außerdem das Reich des Königs – er hieß übrigens Volksmeinung – mit einem dichten eisernen Vorhang. Damit niemand von außerhalb die Brille stehle ... Aber das soll nur ein Märchen sein, ja, eigentlich nur ein Märchenstoff, da es weder ein gutes, noch ein böses Ende gibt. Die Wirklichkeit ist ja viel phantastischer.

Dem Sowjetbürger wird täglich eine bestimmte Portion fertig präparierter geistiger Nahrung zugeführt. Es gibt nur Einheitskost zwischen Ostsee und Baikal, Weißem und Schwarzem Meer, denn die TASS (Sowjet-Telegraphenagentur) liefert der gesamten Provinzpresse sowohl alle Nachrichten als auch die Kommentare täglich und nächtlich im Diktattempo per Radio fix und fertig in die Redaktionen. Auf der kurzen Welle, die es nur bei privilegierten Empfängern gibt. Was anderes – außer lokalen Belanglosigkeiten – darf nicht gedruckt werden. Es ist also gleichgültig, ob man eine ukrainische Zeitung in Charkow, eine armenische in Eriwan oder eine sibirische in Omsk liest – der Inhalt ist genau derselbe. So wird die Anschauung der 77 Sowjetvölker seit 30 Jahren nach ein und demselben Rezept erzeugt, geknetet und lenkbar gemacht.

Was der Sowjetbürger wissen darf und muß: Er erfuhr zum Beispiel „aus dem Ausland“, daß sich in der ganzen Welt ein „ungeheurer spontaner millionenfacher Proteststurm der Massen“ gegen die „westlichen Kriegsschürer“ und ihren abscheulichen „Nordatlantik-Angriffspakt“ erhoben habe. Zugunsten des einzigen Friedensgaranten, der Sowjetunion. (TASS, Paris.) Sodann: Die Amerikaner und Engländer haben das Ruhrstatut nur als Instrument für die Wiederaufrüstung der Trizone geschaffen, als Angriffsbasis gegen den Osten. (TASS „aus sicherer Prager Quelle“.) – In Finnland bäumen sich die werktätigen Massen immer heftiger gegen die sozialdemokratische Regierung auf, die verräterische Beziehungen zu den Westmächten unterhält. („Prawda“.) – Der Generalstreik der hungernden Millionen in Westdeutschland ist nur noch eine Frage kürzester Zeit, während die Sowjetzone satt und zufrieden ist. (TASS, Berlin.)

Wenn nun noch in langen Artikeln kundgetan wird, daß die unaufhaltsam wachsende Arbeitslosenzahl die kapitalistischen Staaten in allen Fugen krachen macht, dann kann es nur eine Meinung von der Weltlage geben: Im Mittelpunkt des Globus und nahe dem Gipfel der absoluten Macht steht die Sowjetunion dank der Weisheit ihrer Führung und den enormen wirtschaftlichen Erfolgen. Am Rande dieses strahlenden Plateaus verschwören sich nun die finsteren imperialistischen Ausbeuter unter englisch-amerikanischer Führung, die ihre Welt zusammenbrechen sehen, zum letzten verzweifelten Ansturm gegen den Hort des Friedens, die Sowjetunion. Aber die Verschwörung wird platzen! Es wird überhaupt keinen Krieg geben – das wird überzeugend versprochen –, wenn die Sowjetbürger noch mehr ernten, fördern, produzieren. Millionen Tonnen, Milliarden Pud! Leistungswettstreit, Stachanowerfolge, Tempo, hektisches Tempo! Und es muß natürlich gerüstet werden. Zur Abschreckung...

Das ist das Bild, das Genosse Sowjetiwan zu sehen bekommt. Mehr braucht er nicht zu wissen. Berliner Blockade? Gibt’s ja gar nicht! Ministerwechsel? Nitschewo! Und Väterchen Stalin wird es schon machen! Fest angewachsen ist die Märchenbrille.