In einem Nachwort Strindbergs zu seinem Einakter „Fräulein Julie“ steht ein Sitz, der uns betroffen machen kann: „... es wird vielleicht eine Zeit kommen, wo wir so entwickelt, so ‚aufgeklärt‘ geworden sind, daß wir mit Gleichgültigkeit das jetzt rohe, zynisch scheinende Schauspiel ansehen .. ., wo wir diese ‚niedrigen, unzuverlässigen Gedankenmaschinen die Gefühle genannt werden, abgelegt haben ...“ – Ist diese Zeit gekommen? Oder warum sonst blieben die Zuschauer im Deutschen Schauspielhaus, Hamburg, das zum 100. Geburtstag des Dichters einen Strindberg-Abend mit „Fräulein Julie“ veranstaltete, im Innersten so kühl? Sind uns die Figuren des Stückes, das 1892 – also vor 57 Jahren – seine deutsche Erstaufführung in der Berliner „Freien Bühne“ unter „größerem Beifall als ihn bisher ein deutscher naturalistischer Bühnendichter erlebte“, wie ein damaliger Kritiker schrieb, keine lebensechten Menschen mehr? Strindberg selbst sagt von seiner Julie: „... sie ist ein moderner Charakter ... das Halbweib, sie verkauft sich für Macht, Orden, Auszeichnung wie früher für Geld. Aber Fräulein Julie ist auch ein Rest des alten Kriegeradels, der jetzt dem neuen Nerven- und Großhirnadel Platz macht,“ Und von dem emporgekommenen Bedienten Jean heißt es: „Er geht unverwundet aus dem Kampf hervor und endet wahrscheinlich als Hotelbesitzer ...“ –

Freilich, die Julie in ihrer vitalen und doch schon dekadenten Weiblichkeit wird man in unserer Generation kaum noch finden. Viele ihrer Nachfahrinnen lassen sich heute in Augenblicken leidenschaftlichen Lebens und Erlebens – wie sie jene Mittsommernacht auf dem schwedischen Gute darstellt – von einem Filmstar auf der Leinwand oder dem Pin-up-Girl vertreten. Im Zeitalter der Massen ist kein Platz mehr für die sich auslebende Julie (wie ja überhaupt nur noch wenig Platz ist für gefährliche Taten eines freien Individuums, im guten wie im bösen Sinne). – In unserer sehr eng gewordenen Welt hat sich auch das Denken und Fühlen oftmals „verengt“ (womit Strindbergs oben zitierte Prognose haargenau stimmte). Wir sind leicht geneigt, ein Problem – wie die aus allen Ordnungen brechende Erotik der Julie – als überholt zu empfinden, nicht weil wir es gelöst, sondern weil wir es einfach beiseite geschoben haben. – In der Hamburger Aufführung jedenfalls, in der Gundel Thormann als Julie Töne von subtilster Menschlichkeit fand, machte sich ein Abstand zwischen Dichter und Publikum deutlich bemerkbar. Walter Frank, der selbst Regie führte, gab dem Bedienten Jean das Air eines vitalen Hauptfeldwebels, der auch während des Strammstehens vor dem Kompaniechef nicht vergißt, daß er weit über den Mannschaften steht. P. Hühnerfeld