Worcester, im April

Vor kurzem erschien im Verlag Chatto und Windus, London, ein neues Werk des immer noch führenden englischen Romanschriftstellers Akkus Huxley; sein Titel lautet „Ape und Essence“. Man kann ihn nicht wörtlich ins Deutsche übertragen, vielleicht wäre „Vertierte Menschen“ eine verwandte Übersetzung. Der Roman wurde eine literarische Sensation; seine Auflagen sind ausverkauft, sein Inhalt steht im Mittelpunkt erhitzten Diskussionen. „The Times“ nannten das Buch „das erregendste Werk, das seit dem Kriege erschienen ist“, während andere, moralisch entrüstet, nach einem gerichtlichen Verbot schreien.

Der Roman ist eine ätzende, provokatorische Schilderung der menschlichen Gesellschaft nach dem dritten Weltkrieg. Er ist ein prophetischer Alpdruck in der Form eines beiläufig gefundenen Filmmanuskriptes. Als eine Art photographischer Montage wird uns der eigene Zeitgenosse vorgeführt, der nicht mehr dem homo sapiens gleicht, sondern sich biologisch in einem technisierten Affenmenschen pervertiert hat. Als solcher vegetiert er dahin, indem er seine Machtsphären mit der Eitelkeit eines Gorilla erweitert, ohne seine wirklichen Kenntnisse zu vergrößern. Er lebt seinen körperlichen Gelüsten und benutzt die Wissenschaft als Sklaven.

Die Wissenschaft ist durch zwei „Einsteins“ symbolisiert, die Johann Sebastian Bach spielen können, aber von den Gorillas an Ketten mitgeschleppt werden. Sie besitzen zwar moralische Widerstandskraft, doch wird sie ihnen mit der Peitsche ihrer Herren ausgetrieben. Die Idole, die diese Affenmenschen anbeten, heißen „Fortschritt“ und „Nationalismus“, in denen Huxley mit der essigsauren Durchdringung eines Swift die Grundübel unserer geistigen Krisis sieht. Fortschritt gilt als „die Theorie, daß man etwas für nichts erhalten kann, die Theorie, daß man in einer Sphäre etwas erringen kann, ohne woanders für den Gewinn zahlen zu müssen; die Theorie, daß man genau weiß, was sich in 50 Jahren abspielen wird...“. Nationalismus ist „die Theorie, daß der Staat, dessen Untertan man zufällig ist, der einzig wahre Gott ist, und daß alle anderen Staaten falsche Götter sind, daß alle diese Götter die Mentalität jugendlicher Krimineller tragen, und daß jeder Konflikt über Prestige, Macht oder Geld zu einem Kreuzzug für das sogenannte ‚Gute‘, das ,Wahre‘, das ‚Schöne‘ werden muß“.

Unsere Zivilisation geht nach diesem Roman im Chaos eines atomischen Und bakteriologischen Kreuzzuges zugrunde. Nur in Neuseeland, das seiner geographischen Lage wegen von den radioaktiven Überraschungen verschont geblieben ist, überlebt das 20. Jahrhundert seinen zweiten Sündenfall. Vier Generationen später bricht eine wissenschaftliche Expedition aus diesem irdischen Eden auf, um das verschüttete Kalifornien wiederzuentdecken. Dort fristet eine barbarische Kultur das Leben biologischen Untermenschentums, dem Glaube, Moral und Ethos die genaue Umkehrung der christlichen Lehre bedeutet.

Was Huxley sagt, ist dies –: der Mensch abendländischer Hochkultur wollte bewußt zwar weder leiden noch Leiden verursachen; er wollte seine prekäre Existenz und ihre materiellen Errungenschaften genießen. Das ging leidlich gut bis zu einem ganz bestimmten Moment seiner Geschichte, bis zu dem Wendepunkt, da die Mehrzahl der Menschheit entgegen ihrer wirklichen Bestimmung einen Weg einschlug, der in die tellurische Katastrophe führen mußte. Es bleibt die Frage, worin die fundamentale Erklärung für diesen menschlichen Massenselbstmord zu finden sei? Nur in der Besessenheit eines unmenschlichen Bewußtseins! Der Teufel selbst ist an allem schuld!

Der Botaniker der Expedition wird von Teufelsanbetern entführt, damit er die gesellschaftliche Struktur der neuen Satansherrschaft kennen lerne. Dort vernimmt er, daß die Frau als das kausale „Gefäß der Erzgottlosigkeit“ angesehen wird, da die meisten ihrer Kinder die Kainszeichen radioaktiver Degeneration tragen. Diese mißgestaltigen Kreaturen werden alljährlich in bestialischer Weise anläßlich eines nationalen Reinigungsfestes aufgespießt, während die schuldigen Mütter öffentlich ausgepeitscht werden, worauf sie in neuer Orgie erneut die Bürde ihrer Unschuld auf sich nehmen müssen. Alle Macht liegt in den Händen einer satanischen Priesterklasse, deren Herrschaftssymbol zwei Stirnhörnchen sind und deren Supremat in einem geistigen wie körperlichen Kastratentum besteht. Der Botaniker lernt in diesem Teufelsland ein Mädchen kennen, das „nur“ durch drei Brustwarzen verunstaltet ist, dem er aber das „Mysterium fossiler Liebe“ offenbart und mit dem er später in die Wüste flieht, um dort vielleicht zu einem neuen Johannes zu werden.