Die ist der Konferenz im ehemaligen Sportpalast von Flushing Meadow und ihrem Präsidenten gemeinsam: sie sind beide unberechenbar. Sicher scheint vorerst nur, daß im zweiten Teil der dritten UNO-Vollversammlung an erregten Wortgefechten kein Mangel herrschen dürfte, und daß Dr. Evatt mehr als einmal bedauern wird, durch sein Amt verhindert zu sein, an ihnen teilzunehmen. Allein aus der vergangenen Sitzungsperiode stammen noch 19 Punkte der Tagesordnung; darunter die Veto-Frage, Franco-Spanien und die italienischen Kolonien. Andere Punkte sind neu, dagegen nicht weniger heikel: die Polizei-Aktion Hollands auf Insulinde, die Kirchenverfolgungen im Osten und der Fall Mindszenty. Die erbittertste Debatte jedoch könnte um den Atlantikpakt entbrennen, denn selbst in weiten Teilen des westlichen Lagers gibt man sich darüber keiner Täuschung hin: der Pakt mag möglicherweise den Buchstaben, gewiß nicht dem Geist der UNO-Charta gerecht werden. So wird es einer sicheren Hand bedürfen, um das UNO-Gespann der temperamentvollen Delegierten von 58 Nationen heil über dieses Stück seines Weges zu kutschieren. Herbert Vere Evatt besitzt sie.

Der „Doc“, wie ihn seine australischen Delegationsmitglieder nennen, wird in diesen Tagen 55 Jahre alt. Vielleicht, daß seine, an die Bohème erinnernden Eigenschaften übertrieben werden: auf alle Fälle ist der Begründer der australischen Außenpolitik eine ungewöhnliche Persönlichkeit. 1941 wurde er, nach zehnjähriger Richtertätigkeit, als Labour- Mann, Außenminister des Konservativen Premier Curtis und hat seitdem das Steuer der australischen Außenpolitik nicht mehr aus seinen Händen gelassen. Sein Haar ist in diesen acht Jahren grau geworden; sein Kampf gilt immer noch der Gleichberechtigung der einen Mächte im allgemeinen, Australiens im besonderen. Er hat die „Diplomatie des Auf-den-Tischschlagens“ zwar nicht erfunden, aber er der herrscht sie ziemlich vollkommen. Ob auf der Gründungs australischen in San Franzisko, bei der 28 von 30 australischen Abänderungsvorschlägen in die UNO-Charta aufgenommen wurden, ob auf der Pariser Friedenskonferenz, die ihm den Namen „Großer Champion der kleinen Mächte“ einbrachte, oder ob auf den Commonwealth-Konferenzen, auf denen er trotz seiner heimlichen Liebe zu London mit Nachdruck betonte, daß Australien endgültig mündig geworden sei – wann und wo auch immer: stets plädierte Herbert Evatt in herzerfrischend grober Offenheit für das Recht der „Kleinen“. Er ist ein überzeugter Streiter für den Gedanken der Vereinten Nationen und gegen jedes Veto-Recht. Und so unangenehm dem Osten der Inhalt seiner hitzigen, aber wohlüberlegten Ausbrüche zu sein pflegt, so peinlich ist für die Engländer der Akzent seiner Plädoyers. Sein „Cockeney“-Englisch bereitet ihnen geradezu körperliche Pein.

Die UNO ist das einzige Glacis, auf dem sich Ost und West noch treffen. Die Fragwürdigkeit des Wertes und der Lebensfähigkeit dieser Mamnutorganisation wird dadurch nicht geringer. Herbert Evatt aber ist nicht nur Philosoph, Rechtsgelehrter, Mathematikexperte, Sportsmann und Diplomat. Er ist offenbar auch Optimist. Die UNO, so erklärte er am selben Tage, an dem die Sowjetunion im Sicherheitsrat ihr 30. Veto – diesmal gegen die Aufnahme Süd-Koreas – einegte, die UNO sei „gesund an Leib und Seele“. Wobei denn zu bemerken wäre, daß das australische enfant terrible“ zwar schon den Dr. jur. und Dr. phil., doch nicht den Dr. med. besitzt.

C. J.