Von Erika Müller ; Hamburger Reisebüros kündigen an: Und nun auch wieder Ostersonderfabrten an den Rhein und in den Schwarz wald Freudenstadt, hnr April Noch ist es die Zeit der Entdeckungsreisen im merkwüdigen Land Trizonien. Noch weiß man aus der Ferne nicht genau, ob die schönen Hotels noch stehen, die man kannte, wieviel davon noch vorhanden ist, ob Flüchtlinge darin wohnen, ob Gäste willkommen oder die gastlichen; Gegend soll sieb inzwischen aa manchen Stellen davongemacht haben. Im SchwarzwaM zum Beispiel, erzählt man im Norden, wären ganze Hange unterwegs, dorr hätten die Bäume Räder .

Nach vielen Jahres erste Reise aarfs Süddeutschland: auch eine Premiere des Lebens und ein Anlaß zu Fröhlichkeit! Wegen der Stimmung hatte ich vorher in Heinrich Heines Reisebildern gelesen. Ich entsinne mich besonders jener blumigen Stelle: Nachdem ich eine Strecke gewandert, winden die Berge noch steiler, die Tannenwälder wogten unten wie ein grünes Meer, und am blauen Himmel oben schifften die weißen Wolke. Wie ein großer Dichter weiß die Natur auch mit den wenigsten Mitteln größte Effekte hervorzubringen Ich hatte bald allen Grund, die Natur aufs höchste zu loben, gegen die Technik mißtrauisch zu sein und die Fußwanderung als das sicherste und billigste Mittel zu preisen, ans Ziel zu gelangen. Aber es erfüllt mich mit Dankbarkeit, dabei erfahren zu haben, daß es die echte Kameradschaft der "Ritter der Landstraße" noch, gibt, jener schweren Männer, die die dicken Lasttonner durch die schwarze Nacht steuern.

Ais ach in das bescheidene Normaiverbrancherauto mit der pompösen Bezeichnung "Meisterklassc", einstieg, eröffnete mir ein Blick auf den Tachometer mit der Kilometerzahl 123 000 mancherlei Perspektiven, die mit Aber and Zustand dieser "Meisterklasse zusammenhingen. Als dann die schweren amerikanischen: Wagen anfingen voröberzuraoschen, begannen jene stolzen Ger spräche über die inneren Reichtümer, die man ja schließlich hat. Bald Mater Hannover, ab wir uns scharf westwärts zum Rhein wandten, zeigte, diese "Meisterklasse" alsogleich ihren eigenwilligen Charakter und ihr Innenleben. Erst hupte sie plötzKch von selbst bei jeder Linkskurve, dann auch bei jeder Rechtskurve. Als es dann aber in der nächsten Ortschaft nötig wurde, einen Ochsen zu warnen, tat sie es gar nicht mehr. Später hielten wir bei jeder Reparaturwerkstatt. Schließlich, als fast alle Bestandteile ausgewechselt waren, blieben wir vollends liegen und machten jene denkwürdige Bekanntschaft mit dem einarmigen schlesischen, zwei Zentner schweren Kraftfahrer eines dreiteiligen Riesenlastzuges, der uns — nach drei Absagen von "Herrenfahrern" — mit selbstverständlicher Hilfsbereitschaft zur nächsten Tankstelle abschleppte und zum nächsten Fernlastfahrer Gasthaus, in dem wir morgens um fünf Uhr die fetteste Hüfaoersuppe im fünften: Nachkriegsjabr kennenlernten. Zum Abschied schlug der menschenfreundliche Dicke nur mit seiner schwarzen Hand so freundschaftlich auf die Schulter, daß ich, dieser Kraft vertrauend, von nun an alte Rieseniasttonner auf der Landstraße respektvoll grüße.

Am Rhein zog es. Durch das Monstte Restaurant auf dem Drachenfels weh eine Brise, die alle romantischen Gefühle hinwegfegte. Frcilidi, so sagt schon Heine, "fehlt die Liebe im Herzen des Beschauers, so mag das ganze wohl einen schlechten Anblick gewähren, und die Sonne hat bloß so und soviel Meilen im Durchmesser, und die Bäume sind gut zum Einhetzen und das Wasser ist naß. Mit übernächtigten Augen gesehen hat die Rheinlandschaft in diesen Vorfrühlingstagen mit dem geschäftigen Strom, den. nackten Felsplatten der Weinberge und den grauen eiligen Wolkenmassen am Himmel etwas sehr Sachliches, Kühles. Die blitzende, donnernde Rheinterrasse im früheren "Haus Vaterland" in Berlin war also beinahe echt: Ht dem sehieferfarbenen Wasserboden des Stromes, den Seitenwinden der Berge und dem unruhigen Wolkendach ist diese Landschaft ein großes kultiviertes Haas, das seinen Bewohnern diese eigenwillige, einmalige Prägung gibt. Es sind Menschen einer Sphäre, in der selbst die Landschaft: ein Raum ist ~ sehr verschieden von den Menschen der Ebene im Osten, die evig dem Weiten, dem Verdämmernden, dem Ahnungsvollen verfallen bleiben. Sie aber, die Rheinländer, Heben die klaren, harten Konturen, das Spekulative, das Überschaubare; die Landschaft selbst macht sie eher zum hellen Menschen des Intellekts ab der großen Gefühle. Wie ist man aur auf die Idee gekommen, sie "romantisch" zu neigen? Der Rhein aber strömt und strömt dahin, er der seinen Menschen das Temperament geschenkt hat. Man darf, solange das liebliche Grün nichts vertuscht, diese Landschaft aber vielleicht nicht nad> dem Ansehen beurteilen, man muß sie hören schmecken. Hören, was diese heiteren, witzigea rheinischen Leute sagen, und von Bacharacb bis Nierstein und Heidelberg die Weine, schlürfen. Wo- Glaser und Flaschen auf dem Tisch stehen, kann man auch tiefgekühltem romantischem Liebesgeflüster von 1949 lauschen: Er, ein Wutjunger G£ rannt ia holperndem Deutsch Worte der Anbetung; sie, ein pastellfarbener Engel im New Look, spricht, amerikanisch radebrechend, zielklar und realistisch von versprochnem Auto and Randfunkapparat.

s,Lieblich wie je in seinen zauberischen Windungen ist das Lahntal und winkelig, mit schmalen steilen Sträßchen — wie ist doch unsere kleine Meisterklasse hier am Platz f — liegen alte Städtchen wie Diez und Limburg am Wege. Immer älter und schöner werden, die Schlösser und Dome — ia. Worms ragt er einsam aus einem Steinhaufen, der einst die Stadt war —, immer häufiger und an immer süßeren Stellen ladea die Hotels ein, je weiter südlich die Reise geht. Und wie der Gast wieder überall geehrt wird! Immer >nd reicher werben Wem- und Speisekarten, unser niedriger die Preise.

Wie ist die Kin J rheimat von nachhaltigem Einfluß! Ich Iwbte cfie WSJder Ostpreußens. Gott segne den Schwarzwald er madit das Herr weit auf. In seiner imponierendea Ausdehnung verbirgt er die leeren Steifen seiner Kahlschläge, so gut er kann. Droben ifBaAmerakanischeB drüctt man sich, an den ReisesträBen amerikanisch aus: Life you save tnay be your own. Hier unten heißt- das Warnungswort an allen Ecken "Sörefte" und wird, groß geschrieben. Am Rhein heißes die Flüchtfinge "Imis", da sie nicht auf Kölsch "Blootwuusch" sagen können. Im Schwarzwald gibt es unternehmende "Zugereiste mit dem Namen "Robinson, und die erklärenden Worte "einsam unter Wilden" liegen in der Luft, aber sie fallen nicht. Aber Bertrand, beispielsweise, et zehnjähriger Pariser, hat die Assimilation schon weit vorgetrieben. Erst stahl er aus der Haushaltskasse der Matter seines Schwarzwälder Freundes stehen Mark, dann, als voleur gebrandmarkt, entschuldigte er eh bei der Dame des Hauses, indem er sich mit schmeichelndem Charme aa sie schmiegte, in reinstefcri Schwäbisch: "Musdit verzeihe, SehätzB Der Schwarzwald duftet and rauscht. Drunten im BactkHxen blühen die Mandelbäumchen und die Pfirsiche, Aber die Trümmer der eingeäscherten: Häuser von Freodeastadt halten ia der traumhaften Schönheit der Landschaft die Erinaerongr ah die Backte, bescheidenere Wirklichkeit der Trizonesier von heute wach.