1. Gefährliche Konkurrenz und die Geschichte von dem Mann, der die Ohrfeige bekam und ein französisches Kunstwerk zuließ – Filmstadt Göttingen

Von Jan Molitor

Kommt der deutsche Film wieder hoch? Das ist eine Frage, die nicht nur die Filmfachleute interessiert. Noch immer stellt der Film die Kunst für die Masse dar; und wenn nicht die Kunst, dann die Unterhaltung, Übrigens ist unverkennbar, daß sich augenblicklich auch ein neues, betont anspruchsvolles Filmpublikum zu bilden im Begriff ist Die Filmindustrie stand einmal in Deutschland an vierter Stelle – das waren die filmischen Glanzzeiten. Heute ist die Situation des neuerstandenen deutschen Films problematisch, verzwickt, ja, in mancher Hinsicht elendig verworren und chaotisch. Die großen Fragen lauten: Welche künstlerischen Kräfte stehen dem neuen deutschen Film zur Verfügung?

Wer hilft der Produktion wirtschaftlich auf die Beine? Wo werden die Produktionszentren liegen? Welche Absatzmöglichkeiten hat der deutsche Film? Wird er die Kraft aufbringen, der drohenden Überfremdung durch die ausländischen Filme zu begegnen? Vermutlich gibt es im Augenblick keinen einzigen unter den Experten, der alle diese Fragen beantworten könnte. Gewiß aber dürfte die Situation sich erheblich dadurch klären lassen, daß man möglichst viele Fachleute aus den verschiedenen Lagern hört und sich bemüht, kritisch Rückschlüsse zu ziehen. Was die allgemeine Lage des deutschen Films betrifft: Es steht wenig auf dem Spielplan, aber vieles steht auf dem Spiel...

Nun, vielleicht hat das Ausland nicht viel verloren, wenn wenn es so gut wie keine Möglichkeit hat, deutsche Filme zu sehen. Wir, die Besiegten, haben es in dieser Hinsicht besser: wir sehen ausländische Filme in Hülle und Fülle. (Das Tor in den Grenzwänden, durch das die Filme wandern, hat nämlich die merkwürdige Konstruktion mancher Ventile: es läßt vieles nach Deutschland einströmen, jedoch nichts oder kaum etwas heraus.) Immerhin, es sind großartige Kunstwerke unter den qualitativ recht unterschiedlichen Auslandsfilmen, die wir jetzt in Deutschland erleben dürfen. Und die deutsche Filmproduktion – gezwungen, damit zu konkurrieren – ist ohne Zweifel schwer belastet...

Da war der unheimlich dramatische und durch seine psychologische Abgründigkeit bezwingende englische Film „Odd man out“, der (in deutscher Sprache unter dem Titel „Ausgestoßen“ vorgeführt) viele von denen zum Kunstwerk Film bekehrte, die vordem hartnäckig geglaubt hatten, die „Circenses“ der Leinwand müßten im jedem Falle eine Angelegenheit des Amüsements sein. Da war der amerikanische Film „Bernadette“ mit dem eindrucksvollen Gesicht der neu entdeckten Jennifer Jones, und da war „The two faced woman („Die Frau mit den zwei Gesichtern“), der zwar weder durch Originalität des Sujets noch der Regie noch der Ausstattung auffiel, desto mehr aber durch das Spiel der unvergleichlichen Greta Garbo, die in Deutschland geliebt wird wie überall in der Welt. und die uns gleich zweimal kam – einmal einmal einmal häßlich und beide Male unvergeßlich. Und da war vor allem der zauberhafte französische Film „Les enfants du Paradis („Kinder des Olymp“). Er riß – und reißt noch – den verwöhntesten Ästheten ebenso zum Begeisterungstaumel hin wie den gern „unverbildet“ genannten „Mann aus dem Volke“, der von einem Film zu allererst verlangt, daß „etwas los“ sei. Die deutschen Filmexperten aber, die mit dem gleichen Entzücken dieses vom Regisseur Carné gedrehte Kunstwerk aus der Sphäre einer weit zurückliegenden Thespiskarren-Zeit der Komödianten genossen, erinnerten sich ganz nebenbei an den Mann, der die Ohrfeigen bekam...

Krach um die Baarova