Unter allen Dichtern des Auslands, die in den letzten Jahren als für uns neue Erscheinungen in Deutschland bekannt wurden, ist der Spanier Federico Garcia Lorcavielleicht der elementarste, genialste künstlerische Erfinder und Gestalter. In der spanischen Literaturgeschichte kommt ihm die Bedeutung eines der größten Lyriker und vor allem des Schöpfers des modernen spanischen Dramas zu. Neben der auch – in Deutschland mit großem Erfolg aufgeführten „Bluthochzeit“ sind Bernarda Albas Haus.“ (in Frankreich verfilmt), „Marian“ Pineda“, „Yerma“ und die Komödie „Doña Rosita – seine theatralischen Hauptwerke. Der 1899 in Granada geborene Dichter stand im spanischen Bürgerkrieg auf sehen der Gegner Francos. Er wurde 1936 in seiner Vaterstadt von Falangisten ermordet und seine Bücher auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Der Reisende ohne Beschwernis, voll Lächeln und Lokomotivgeheul, geht zudem St.-Josefs-Feuern von Valencia. Der bacchische zur Karwoche von Sevilla. Der von nagendem Kummer verzehrte nach Malaga. Der melancholische und beschauliche nach Granada, in allein zu sein in der Luft von Basilienkraut, beschattetem Moos und Nachtigallenschlag, die herweht von den – alten Hügeln bei dem Freudenfeuer aus Krokus, tiefen Grautönen und Löschpapierrosa der Alhambramauern. Um allem zu sein im Sinnen über ein von merkwürdigen Stimmen erfülltes Ambiente, kleiner Luft, die durch Schönheit fast Gedanke ist, an einer empfindlichen Stelle Spaniens, wo sich die Hochebenenpoesie San Juans de la Cruz mit Zedern, Zimtbäumen und Quellen füllt und wo in der spanischen Mystik diese – orientalische Luft erst möglich wird, dieser verwundete, liebeskranke Hirsch, der bei der Anhöhe auftaucht.

Um allem zu sein mit der Einsamkeit, die man in Florenz zu haben wünscht um zu verstehen, warum das Wasserspiel nicht Spiel ist wie in Versailles, sondern Leiden des Wassers, Todeskampf des Wassers.

Oder um zärtlich begleitet zu sein und zu sehen, wie der Frühling das Innere der Bäume und die Haut der empfindlichen Marmorsäulen durchzittert, wie er die Schluchten hinaufsteigt und den Schnee abschüttelt, der erschreckt die gelben Kugeln der Zitronen flieht.

Wer in der Nähe des Stierdunstes dieses süße Ticktack des Blutes in den Lippen fühlen will, gehe zum barocken Tumult des vielseitigen Sevilla; wer an einer Geisterplauderei teilnehmen und womöglich ein altes, wunderbares Juwel in den Gängen seines Herzens finden will, gehe in das geheime, verborgene Granada. Da freilich wird sich der Reisende angenehm überrascht sehen, denn in Granada gibt es keine Karwoche. Die Karwoche verträgt sich nicht mit dem christlichen, jeder Schaustellung abgeneigten Charakter des Granadiners. Als ich noch Kind war, fand einige Male die Prozession der Heiligen Grablegung statt; einige Male, weil die Granadiner Reichen nicht immer ihr Geld für diesen Umzug geben wollten.

In den letzten Jahren veranstaltete man – mit einer ausschließlich kommerziellen Betriebsamkeit – Prozessionen, die nicht mit dem Ernst und der Poesie der alten Woche meiner Kindheit vonstatten gingen. Damals fügte sich die Karwoche noch ein – mit Kanarienvögeln, die zwischen den Kerzen der „Heiligen Gräber“ hin- – durchflogen, und einer Luft, so lau und melancholisch, wie wenn sie den ganzen Tag auf den üppigen Hälsen der altjüngferlichen Granadinerinnen geschlafen hätte, die am Gründonnerstag promenieren gehen, sehnsüchtig nach einem Soldaten, nach dem Höchsten Richter, nach dem fremden Universitätsprofessor, der sie woandershin mitnimmt. Damals war die Stadt wie ein langsames Karussell, das sich durch die in ihrer Schönheit überraschenden Kirchen hinein- und herausdrehte, mit einer Zwillingsphantasie von Todesgrotten und Theaterapotheose. Es gab mit Weizen besäte Altäre, Altäre mit Wasserfällen, andere mit Armut und Hingabe aufs Geratewohl geschmückt, ein Teil mit Palmwedeln bedeckt – wie ein köstlicher Feuerwerk-Hühnerhof – ein – anderer Teil, überaus großartig, mit dem uner- – bittlichen Purpur, dem Hermelin und der ganzen Pracht der Dichtung Calderóns.

In einem Hause der Colchastraße, in der die: Särge und Kränze der armen Leute verkauft werden, versammelten sich die römischen „Soldaten“, um zu üben. Die Soldaten waren keine Gilde wie die schnurrigen „Bewaffneten“ der wunderbaren Macarena (Gottesmutter, Sevillas Patronin. D. Übers.), sondern gedungene Leute: Lastträger, Teerarbeiter und gerade aus dem Hospital entlassene Kranke, die sich einen Duro (Fünfpesetenstück. D. Übers.) verdienen wollten. Sie tragen Fuchsbärte wie Schopenhauer, wie verliebte Kater, wie überspannte Universitätsprofessoren. Der Hauptmann, als Fachmann des Kriegerhandwefks, lehrte sie den Takt markieren, der so war: „Stange – bum!“, und dabei stießen sie die Lanzen auf den Boden auf eine entzückend komische Art. Als Beispiel für den Granadiner Volksgenius will ich erzählen, daß eines Jahres die römischen „Soldaten“ bei der Übung die Fassung verloren und mehr als vierzehn Tage mit den Lanzen herumklopften, ohne sich einigen zu können. Worauf der Hauptmann verzweifelt ausrief: „Halt, genug! Bumsen Sie nicht mehr! Denn wenn Sie so weitermachen, werden wir die Lanzen in Kerzenhaltern dahertragen müssen!“ Ein echt Granadiner Witzwort, das schon einige Generationen herumgeboten haben.