R. K. N., Zürich, im April

Seit Juli des vergangenen Jahres besteht in Zürich eine Delegatur der Handelskammer Hamburg, deren Einrichtung in den Handelskreisen der Schweiz lebhaft begrüßt worden ist. Ihren Hauptzweck erblickt die Delegatur, die einzige offiziöse deutsche Stelle in der Schweiz, in der Aktivierung des Hafens Hamburg. Dies bedeutet, daß nicht nur der Transitverkehr Hamburgs in die Schweiz, sondern auch der Verkehr via Schweiz, vor allem auf der Route Levante–Balkan–Italien – Schweiz – Hamburg – Skandinavien durch das Züricher Büro betreut wird. Diese Aufgabe, in ihrem Wesen eine wirtschaftspolitische, wird durch die gegenwärtigen Umstände politisch bedingt und leider vielfach politisch behindert. Denn die zwei schwerwiegenden Maßnahmen, die eine volle Wiedereinschaltung Hamburgs in den Weltfrachtverkehr verhindern, die Einführung der Dollarklausel für die deutsche Transitstrecke und die Aufhebung des Sonder-Durchfuhr-Tarifes (SD 2), der früher eigentlich die tarifpolitische Vorzugsstellung Hamburg begründet hat, haben alle Staaten, die an Dollarmangel leiden, von der Benutzung Hamburgs abgeschreckt. Sie nehmen selbst Umwege bis zu sechs Tagen in Kauf, um diese Dollarzahlungen zu vermeiden.

Diese Weichwährungsumwege, von denen vor allem die französischen Bahnen profitieren, begründen auch den französischen Einspruch gegen die Wiederinkraftsetzung des Sondertarifs, während an seiner Wiedereinfühung neben Deutschland vor allem die Schweiz, interessiert ist, deren Bundesbahnen an Transitfrachten zugunsten der Umwegländer rund 12 Mill. Franken verloren haben. Während die wirtschaftliche Inkonsequenz der alliierten Besatzungspolitik die Tätigkeit der Züricher Delegatur noch immer sehr erschwert, sieht deren Leiter, Dr. Hudalla, keine natürlichen wirtschaftspolitischen Divergenzen zwischen Hamburg und den Beneluxhäfen, die nicht bei gutem Willen rasch zu bereinigen wären. Während Hamburg erst 47 v. H. seines Vorkriegsumschlags von 25 Mill. t jährlich erreicht hat, sind die Beneluxhäfen mit 60 bis 100 v. H. Mehrumschlag gegen 1938 bereits erheblich beschäftigt.

Obschon die Delegation eigentlich nur Hamburger Interessen zu vertreten hat, bringen es die Verhältnisse mit sich, daß immer wieder deutsche Wirtschaftsanliegen an sie herangetragen werden, die direkt mit Hamburg nichts zu schaffen haben. Daß die Delegatur in solchen Fällen, in denen sie gleichsam in die Rolle einer deutschen Handelskammer gedrängt wird, nach bestem Wissen berät und zugleich bemüht bleibt, den Frachtweg eines sich etwa anbahnenden Geschäftes über Hamburg zu lenken, ist einer der vielen Wege, auf denen sie indirekt für Hamburg wirbt.