Ich liebe die Bäume. Als ich ein Kind war, bedeuteten sie für mich den Inbegriff des Ruhigen, Väterlichen und Aufrechten, So kamen sie einem tiefen Bedürfnis meiner Seele entgegen. Ihre schattigen Kronen versprachen viel, und ich rettete mich vor der grellen Sonne unter die Bäume, wie der Flüchtling in die Heiligkeit der Kapelle.

Für mich waren die Bäume Urbilder jeglicher Eigenart, die mir tröstlich versicherten, daß jedes Geschöpf in sich seine eigenen Gesetze der Entwicklung birgt. So fühlte ich bei ihrem Anblick, daß auch ich ein Recht hatte, anders zu denken und zu fühlen, als meine Mutter es von mir haben wollte.

Ich erinnere mich noch an die Zeit, als ich mich in die hohe Krone unserer Traueresche flüchtete. Ich wollte allein sein. Der Baum bildete mit seinen verworrenen, tief herabhängenden Zweigen oben in der Luft eine schützende Laube. Die schwanken, feinen Blätter rieselten nach unten bis in die Johannisbeerbüsche hinein, und vorn wurde vom Gärtner Müller ein Tor ausgeschnitten, damit wir die Laube vom Hauptweg aus betreten konnten.

Ungesehen und von der Welt vergessen saß ich da oben in meinem Wipfel. Noch heute sind mir die Windungen der Äste gegenwärtig. Liebevoll bildeten sie einen kleinen Stuhl für mich, ich konnte mich anlehnen und dabei zur Sicherheit einen faustdicken Ast umarmen. Da saß ich nun und schaute durch den grünen Behang, wie Atilde ratlos an der Mauer hin und herging, unter die Verandatreppe spähte, bis ihre blaue Kattunschürze in der Tür der Waschküche zögernd verschwand. Ich aber wiegte mich voller Triumph. Im Herzen wilde Träume von Ruhm und großer Fahrt. Hier faßte ich den Entschluß, eine ganz und gar überwältigende Schauspielerin zu werden. Und ich deklamierte vor mich hin: „Du ziehst, o milde Heimatlust, als Heimweh durch die kranke Brust!“ –

Das Lesebuch fiel dabei nach unten in die Laube, und ich selber war von meiner eigenen Inbrunst und von meinem Spiel zu Tränen gerührt. Was – so dachte ich in meiner kindlichen Hingerissenheit – was werden die Zuhörer erst später, wenn ich es richtig gelernt habe, an Strömen von Tränen vergießen, wenn ich ihnen zeigen wie eine Frau vor Sehnsucht stirbt. Dann suchte ich den Homer in meiner Matrosenbluse und ging mit ihm auf große Fahrt:

„Einmal still ich mit Tränen mein Herz, ein