Die demonstrative Abreise des afghanischen Geschäftsträgers aus Karachi – die der des Gesandten und Kanzlers in kurzem Abstand folgte – hat die diplomatischen Beziehungen zwischen Pakistan und Afghanistan praktisch aufgehoben. Alle nun schon seit Jahrhunderten bekannten Requisiten des blutigen Dramas mit dem Titel „Nordwestgrenze“ sind, wenn auch teilweise mit neuen Namen, wieder vorhanden. Als Statisten füllen kühne Stammeskrieger die Szene und schwingen wild ihre Schwerter und Gewehre; hier Pathans unter Führung des Fakirs von Ipi, dort Mahsuds, die, von pakistanischen Offizieren geführt, ihren im Kaschmirkrieg noch nicht ganz gestillten Blutdurst gegen die aufständischen Brüder wenden. Um das alte Stück zu modernisieren, hat man die Stammesstatisten zugunsten der Parteien, die gewissermaßen als Chöre fungieren, etwas in den Hintergrund gedrängt. Nach westlichem Vorbild dürfen die Parteihemden dabei natürlich nicht fehlen, und so sehen wir denn die Rothemdenpartei, ewig unruhig und auf Unabhängigkeit bedacht, den Grünhemden gegenüberstehen, die, auch Moslemliga genannt, als Verteidiger von Recht und Ordnung auftreten.

Zunächst wird der Anführer der Rothemden, Khan Abdul Ghaffer Khan, der „Gandhi der Grenze“, von pakistanischer Polizei auf offener Szene verhaftet. Darauf beginnt der Dialog zwischen den Hauptakteuren: Pandit Nehru, dem indischen Ministerpräsidenten, seinem Kollegen Zafrallah Khan aus Papistan und dem jungen Schah von Afghanistan, Mahmud Schah Khan, der in einer Palastrevolution 1945 seinen Bruder Haschim Khan vom Thron verdrängte.

Dann klagt der pakistanische Zafrallah Khan den indischen Bruder an, daß er den aufständischen Pathans Waffen und Geld geliefert und die subversive Tätigkeit der Rothemden Khan Abdul Ghaffer Khans unterstützt habe. Mit seiner unvergleichlichen Würde und Ruhe weist Pandit Nehru diese Behauptung vor dem indischen Parlament zurück.

Sogleich steht ihm der afghanische Schah zur Seite, der ein sehr moderner Schah ist und daher seine Rolle aus einer Zeitung abliest: der Kabuler „Aniz“. „Die Feststellung der pakistanischen Regierung, daß die Stammesgebiete der Nordwestgrenze integraler Teil Pakistans seien, muß von Afghanistan energisch zurückgewiesen werden“, so ruft er aus. „Großbritannien hat die Unabhängigkeit der Stämme 1947 ausdrücklich anerkannt!“ Und der hinter dem Schah stehende Chor von Redakteuren assistiert mit dem Rufe: „Afghanistan muß seinen Pathanbrüdern helfen! Wir wollen ein unabhängiges Pathanistan mit Ausgang zum Meer!“

Pakistans Sprecher zeigt sich erschüttert über so viel Feindschaft von zwei Seiten. Von Indien hat man’s kaum anders erwartet, aber daß sich auch der moslemische Bruderstaat Afghanistan, dem man seit 1947 so viel Freundlichkeiten erwiesen hat, auf die Gegenseite schlägt! Pakistan hat überhaupt Pech mit seinen moslemischen Gefühlen – es ist wohl den anderen islamischen Staaten zu groß: Iran, Irak, Ägypten, alle drängen sie sich um Nehru, um ein Gegengewicht zu schaffen. Zafrallah Khan gedenkt daher einen Zankapfel zwischen die beiden Kämpen für Pathanistan zu werfen und beschuldigt durch seine Presse Indien, daß es einen afghanischen politischen Flüchtling in die Stammesgebiete entsandt hätte, um die Stämme auch gegen Afghanistan aufzuhetzen. Statt einer Antwort tritt Nehru Hand in Hand mit dem Schah an die Rampe und sie verkünden, daß sie die UNO-Vollversammlung mit dem Problem befassen werden.

Wird der nächste Akt nun eine endlose Verhandlung vor der UNO bringen – oder ein allgemeines Blutbad? Dies dürfte von den Regisseuren hinter der Szene abhängen, und diese heißen, wie könnte es heute anders möglich sein, USA und Sowjetunion. Moskau agiert (oder sagt man in solchen Stücken: agitiert?) sehr vorsichtig, denn keiner der Schauspieler ist Kommunist, selbst unter den Statisten sind die roten Hemden noch keine roten Fahnen, und doch hat der Kreml die Handlung bisher geschickt gesteuert. Eine Verständigung oder gar Freundschaft zwischen Pakistan und Afghanistan würde nämlich die Verteidigungslinie Pakistan–Indien an den Hindukusch vorschieben, der sich bis heute als unübersteigbar erwiesen hat, für Armeen und für Ideen gleichermaßen. Vor allem würde ein solcher Zusammenschluß ein sehr starker Magnet für alle zentralasiatischen Mosleme sein. Die USA wiederum haben sich in Afghanistan sehr stark wirtschaftlich festgelegt und wünschen nicht, daß das Land von seinem großen Nachbarn geschluckt wird. Wenn amerikanische Zeitungen auch immer wieder die Regierung davor warnen, den Finger in den heißen Brei der Nordwestgrenze zu stecken, in dem sich schon Generationen bester britischer Fachleute die ihrigen verbrannt hätten, so hat man doch den Eindruck, daß recht kräftig, wenn auch nicht sonderlich geschickt, gerührt worden, ist.

Was bringt der nächste Akt? Es knallt und knattert schon hinter dem Vorhang – hoffen wir, daß die Flinten sich nicht plötzlich in den Zuschauerraum entladen! Peter H. Schulze