Daß Paul Hindemith für Deutschland ganz allgemein keine zärtlichen Gefühle hat – wer wollte es ihm verargen? Daß er sich heute ganz als Amerikaner fühlt und nach Deutschland höchstens gelegentlich, in einem neuen Auftrage der Militärregierung, zurückkehren würde – wer kam es ihm übelnehmen? Dennoch hinterläßt uns das Interview mit der „New York Times“, in Jan er die Eindrücke seiner Deutschlandreise zusammenfaßte, einen unangenehmen Geschmack; nicht weil seine Feststellungen für uns geradezu verrichtend sind, sondern weil sie in ihrer summarischen Formulierung irreführend wirken wie alle Kollektivurteile, noch dazu solche, die zum Teil auf falscher Diagnose aus dem Symptombefand beruhen.

Als Ganzes mutet dieses Interview an wie ein einziges „Quod erat demonstrandum“. Das musikalische Ausland kann als Ergebnis der Auftragsreise verbuchen, daß das deutsche Musikleben um fünf Jahre Jahre zurückgeblieben sei, daß die einzigen guten Musiklehrer und Instrumentalisten hier der alten Generation angehörten, daß die Heranbildung eines Nachwuchses nicht zu sehen und die Empfänglichkeit der Deutschen für zeitgenössische Musik auf dem Stande der zwanziger Jahre geblieben sei. Alle diese Symptome liegen ja nun – generell, also oberflächlich, ungenau und flüchtig gesehen – allerdings vor. Ihre Ursachen freilich (über welche Hindemith nichts aussagt, da man sie hinlänglich zu kennen glaubt) sind derart, daß sie an und für sich leicht und schnell behoben werden könnten, so daß schon morgen das Bild ganz anders aussähe. Sie sind nämlich rein materieller Natur.

Dies zu erhärten, braucht man nur Paul Hindemith: letzte und niederschmetterndste Behauptung auf die Tatsachengrundlage hin etwas näher zu beleuchten. Er sagte nämlich: neue Komponisten, und zwar wirkliche Komponisten, habe er nicht gefunden; auch könne von keinem Drängen nach umwälzender schöpferischer Musik die Rede sein.

Nun – daß die Musik, gerade sofern sie das Adjektiv „schöpferisch“ verdient, heute aus dem Stadium des blinden Drängens nach Umwälzung um jeden Preis in das einer neuen Synthese getreten ist, dafür gibt es ein besonders aufschlußreiches Beispiel, das auch der heimgekehrte amerikanische Meister nicht ablehnen wird. Es heißt: Paul Hindemith.

Daß er aber neue wirkliche Komponisten nicht angetroffen hat, beweist nicht, daß sie nicht existieren. Genau und gerade dieser Punkt muß dem Auslande gegenüber endlich einmal geklärt werden. Die deutschen Komponisten leben und wirken nämlich – an normalen Verhältnissen gemessen – heute auch in Deutschland „unter Ausschluß der Öffentlichkeit“. Dies aus zwei hauptsächlichen Gründen: Die meisten Musikverleger können immer noch, quantitativ, nur recht kümmerlich und behelfsmäßig arbeiten. Entweder stehen sie in „Wiedergutmachungs“-Auseinandersetzungen oder in Reorganisationsweben (zumal die aus der Ostzone in den Westen gewanderten – die östlichen sind ohnedies für den Westen praktisch nicht mehr vorhanden); oder es fehlt ihnen an Papier, da der Musikverlag keine eigene Papierversorgung hat, sondern zugunsten des bevorzugten Buchhandels nur minimal an der Gesamtzuteilung partizipiert; oder es fehlt – das betrifft fast alle – an Herstellern, also Stechern, Schreibern, Druckern und so weiter. Obendrein noch fehlt es – an Geld. Diese Situation erklärt wohl hinlänglich, daß schon aus bloßem Materialmangel die lebenden deutschen Komponisten, und darunter natürlich insbesondere die „neuen“, noch wenig oder gar nicht hervorgetretenen, in der Verborgenheit zu blühen verdammt sind. Hinzu kommt aber als zweiter Hauptgrund: die Tantiemeeinsparung! Dirigenten und Orchester, die sich heute existent erhalten wollen, müssen möglichst wenige Unkosten verursachen. Also führen sie möglichst wenig Zeitgenössisches auf, und wenn doch einmal, dann aus opportunistischen Gründen schon eher ausländische Werke – trotz der Devisen. Das ist die Lage der deutschen Komponisten, die Hindemith nicht angetroffen hat!

Übrigens dürften dem Ausland unter diesen Umständen Komponisten wie Blacher, Orff, Egk, Reimer, Hessenberg, Hartmann, gar der junge Henze (um nur einige der bedeutendsten zu nennen) mit ihren Hauptwerken heute noch ebenso unzulänglich bekannt sein, wie uns bis zur Kapitulation die neueren Erscheinungen der andern Länder waren. Wir hatten (und man hatte) uns von der Aufhebung dieser Kenntnisse bestürzende Überraschungen, aufwühlende Entdeckungen versprochen. Wir haben dann auch manches Gute, manches Bedeutende von „draußen“ kennengelernt. Wir können indessen nicht umhin, zu gestehen, daß uns in der Fülle der seither hier bekanntgewordenen Musikschöpfungen jener Länder nichts begegnet ist, was uns zwingen müßte, einzusehen, daß Komponisten wie die eben genannten deutschen hinter denen der übrigen Weh, sei es an echter „Neuheit“, also schöpferischer Originalität, sei es an musikalischer Substanz, sei es an geistigem Gewicht zurückstehen. Gewiß, das deutsche Musikleben ist gegenüber der Welt in nahezu hoffnungslosen Rückstand geraten. Aber nicht, weil die Begabungen erloschen wären!

Walter Abendroth