Von A. P. Bobew

Über vier Jahre brauchten die Kommunisten jenseits des Eisernen Vorhangs, bis sie ihre „Verbündeten“ liquidierten, jene Parteien, Gruppen und Personen, die in einer echten Koalition mit den Statthaltern Stalins regieren zu können glaubten. Seit der Tito-Rebellion sind nun die Machthaber im Osten dabei, ihre eigenen, kommunistischen Reihen zu säubern. Erst war es Gomulka in Polen, dann Petrascanu in Rumänien, Rejk in Ungarn und schließlich Kostoff in Bulgarien. Mit ihnen gingen Tausende von „unsicheren Kommunisten“, die die vierjährige Eignungsprüfung nicht bestanden hatten

Bezeichnend für diese Entwicklung ist es, daß die Betroffenen zwar alte Kommunisten sind, aber nicht durch die Schule in Moskau gegangen waren. Sie alle haben den Nachteil, sich über zwei Jahrzehnte „nur im eigenen Lande“ für ihre Idee eingesetzt und in den Kriegsjahren in der Untergrundbewegung gekämpft zu haben. Dagegen haben die in Moskau geschulten Kommunisten vor allem den nicht einzuholenden Vorteil, kremltreu zu sein; im übrigen besteht ihr Verdienst für den kommunistischen Sieg darin, bei der Invasion Hitlers in Rußland vor der Roten Armee ostwärts gelaufen zu sein, um später hinter den sowjetischen Truppen siegreich in ihre ehemaligen Länder einzuziehen und die Macht zu ergreifen.

Bei Dimitroff dauerte es sogar mehrere Monate, bis er sich nach Bulgarien traute. Bis zu seinem Einzug war Traitscho Kostoff, der jetzt gestürzte, stellvertretende Ministerpräsident, der erste Kommunist im Lande. Ihm wirft nun das Politbüro der bulgarischen K. P. „grobe politische Verfehlungen, nationalistische Entgleisungen und parteiwidriges Verhalten“ vor. Mag sein, daß die beiden Gruppen von Kommunisten – die einen, die durch die lange sowjetische Schulung gegangen sind und die anderen, welche die Emigration nicht wählten – sich in den langen Jahren entfremdet haben und deswegen nicht mehr zusammenarbeiten können. Es ist auch möglich, daß hier und da Rivalitäten und Eifersucht entstehen, so daß die Emigranten, unter Minderwertigkeitskomplexen leidend, ihre gestrigen Parteifreunde stürzen. Der wichtigste Grund für die Säuberung, die jetzt in Osteuropa unter den Kommunisten einsetzt, ist aber das Gefühl der Unsicherheit der Sowjets, das mit der Tito-Fronde begann und durch die außerordentliche Aktivität der Westmächte mehr und mehr verstärkt wird. Das Sinken der sowjetisches Autorität kann nur durch den Einsatz der kremltreuesten Kommunisten aufgehalten werden.

Und wie sollte sich auch die Aktivität der USA nicht demoralisierend im Osten auswirken, wenn ihre Maßnahmen und Äußerungen, die für das Verhältnis zwischen Ost und West von ausschlaggebender Bedeutung sind, sich geradezu überstürzen. Der Bewilligungsausschuß des amerikanischen Repräsentantenhauses billigte den Gesetzentwurf für die Mittel der Verteidigung in Höhe von fast 16 Milliarden Dollar. Dieser Nachkriegsrekordhaushalt der amerikanischen Streitkräfte, der um 50 v. H. höher liegt als der des laufenden Finanzjahres, soll ermöglichen, daß sich die USA „auf Schwierigkeiten vorbereiten und damit versuchen, diese gleichzeitig zu vermeiden“. Zwar haben alle Erklärungen des Westens der letzten Zeit defensiven Charakter, ganz gleich, ob es sich um Präsident Trumans Äußerung handelt, er werde nicht zögern, den Abwurf der Atombombe zu befehlen, wenn der Weltfriede auf dem Spiele stände, oder um die Forderung des amerikanischen Generalstabschefs Bradley, der ein militärisches Hilfsprogramm zur Stärkung Westeuropas verlangte, damit der Angreifer zurückgehalten werden könne, bevor Westeuropa überrannt sei. Äußerungen und Maßnahmen solcher Art sind aber für die Sowjets äußerst peinlich, nicht nur, weil man im Kreml, wie General Bradley sagte, „als enttäuschter Schakal“ wütend ist, daß einem die Beute streitig gemacht wird, sondern auch, weil man im eigenen Lager und in den unterjochten Ländern dadurch ständig an Prestige und Respekt verliert. Und es ist kein Zufall, wenn seit einiger Zeit Sowjetpresse und -rundfunk konsequent ihr Interesse ganz dem Fernen Osten widmen, als ob Europa überhaupt nicht existiere. Damit versuchen offenbar die Machthaber im Politbüro, die eigenen Massen von der wichtigen Entwicklung in Westeuropa abzulenken und die eventuellen Einbußen, die sie später zu erleiden fürchten, schon jetzt als geringfügig hinzustellen.

Es ist allerdings nicht ganz klar, ob die Sowjets von sich aus versuchen werden, durch kleinere Konzessionen an die Demokratien in Europa zu einer vorläufigen Einigung zu gelangen, oder es darauf ankommen lassen wollen, unter noch schwereren Druck gesetzt zu werden. Jedenfalls wird der Kreml versuchen, erneut in ein Gespräch zu kommen, um dadurch die Nervosität, die im eigenen Lager ständig wächst, zu beheben und darüber hinaus die verlorene Initiative wieder zu erlangen. Dies hängt allerdings in dem gegenwärtigen Zeitpunkt mehr von Washington als von Moskau ab, und es ist kaum anzunehmen, daß der Westen sich auf ein solches Spiel einlassen wird, weil man in Washington befürchten muß, daß, wie der Pressesekretär Trumans, Charles Roß, sagte, dem Westen dabei erneut das „Fell über die Ohren gezogen wird“. Vielmehr deuten alle Anzeichen darauf hin, daß die Aktivität des Westens eher zunehmen als erlahmen wird.

In diesem Zusammenhang ist die letzte Entwicklung in Griechenland aufschlußreich. Sehr auffallend wirkte die große Aufmachung, mit der die neue Offensive der griechischen Rebellen im Gramos-Gebirge von der westlichen Presse verkündet wurde. Wenn noch dazu berichtet wird, daß die griechischen Armeekommandeure nur mit Mühe die Empörung ihrer Soldaten über die Unterstützung der Aufständischen durch Albanien eindämmen könnten, so bleibt abzuwarten, ob hinter solchen Klagen sich nicht tiefere Absichten verbergen.