Das Bochumer Schauspiel steht vor einem Wendepunkt, da Saladin Schmitt, der Gründer der Bühne und Hüter des „Bochumer Stils“, nach dreißigjährigem Wirken abgetreten ist und Hans Schalla – bisher Oberspielleiter bei Gründgens in Düsseldorf – zunächst als Schauspieldirektor und nach einem Jahr als Intendant ein Erbe übernimmt, dessen Ruf sagenhaft geworden ist, dessen gegenwärtige Erscheinungsform aber eine scharfe Wendung vom Gestern zum Heute verlangt. Bevor sich die Stadt Bochum zur ehrenvollen, aber einschneidenden Trennung von einem ihrer berühmtesten und treuesten Männer entschloß, hat es nicht an Versuchen gefehlt, die Ära Schmitt durch junge Kräfte zu erneuern. Gegenüber der langjährigen Bevorzugung des klassischen Schauspiels erschienen betont auch neuere und neueste Stücke im Spielplan. Die Dramaturgie hatte jedoch keine glückliche Hand dabei. Ein junger Regisseur, Wolfgang von Stas, spielte sich nach vorn, zuletzt noch mit einer Inszenierung des „Richters von Zalamea“. Sie bewies, daß die Bochumer Schauspieler auch anders könnten. Indessen holte Hamburg von Stas ans Deutsche Schauspielhaus, und Bochum ließ ihn gehen. Auch jener umstrittene Walter Thomas, der einmal die künstlerischen Geschicke Wiens als Haupt einer kulturpolitischen Fronde gegen Berlin gelenkt hat, ist von seinem Posten als Chefdramaturg und Regisseur der Bochumer Bühne und damit von der Anwartschaft auf die Nachfolge Schmitts zurückgetreten – pikanterweise auf Veranlassung des Intendanten selbst, der Thomas zunächst gegen Gott und alle Welt verteidigt und an seinen Ausgangspunkt Bochum zurückgeholt hatte.

Jetzt tauchte ein anderes Gesicht mit einstmals prominenten Zügen in Bochum auf: Alexander Golling, im Dritten Reich Generalintendant des Bayerischen Staatsschauspiels. Er inszenierte und spielte als groß herausgestellter Gast Shakespeares „Othello“. Saladin Schmitt besann sich in dieser Gesellschaft wieder auf die Ehrengabe des „Führers“ zu seinem sechzigsten Geburtstage und legitimierte sich mit dem Professortitel gleichzeitig als Präsident der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft für die „szenischer Einrichtung“ dieser Aufführung. Das Amalgam der beiden Größen war vollständig. Golling hat seinen Ruf als Schauspieler früher in Berlin bewährt und ist durch den Film populär geworden. Aber in der „heroischen“ Periode des von ihm geleiteten Münchener Staatstheaters scheint er ein Bochumer von echtem Schrot und – Pathos geworden zu sein. Das rollt und knarrt, das quetscht die Sprache und brüllt aus Lungentiefen und ist doch so kalt und unbeteiligt, daß man nur staunen kann, wie vieler Mache es bedarf, um von liebe in Haß, vom Leben in den Tod zu fallen. Im Grunde aber steht auch dieser Schauspieler neben seiner Rolle. Haften bleibt der charakteristische Mohrenkopf und ein stets dekoratives Brokatgewand. Überflüssig, zu sagen, daß unter solcher Spielleitung die andern nicht anders waren. Über die Frauen allerdings hatte diese männermordende Regie keine Macht; denn hier war eine junge Schauspielerin, Dorfe Mayer, die ihre Desdemona so sicher, innig und aus der unverstellten Kraft eines reinen Gefühls ausbreitete, daß man sich diesen Namen merken muß. Die bewährte Lenore Fein ließ daneben als Emilia erkennen, daß auch der legitime „Bochumer Stil“ von einst nicht unbedingt gleichbedeutend mit undifferenzierter Schablone sein muß.

Bevor sich zeigen wird, ob ein neuer Mann den alten Ruf der Bochumer Bühne überhaupt wieder befestigen kann, wird es anscheinend noch manche Sensation geben. Die nächste kündigt das Theater bereits an. Mit dem zweiten Gelling-Gastspiel wird Schmitt, der Golling in München einmal nicht vom Intendantensessel stürzte, als er das gekonnt hätte, noch einen mächtigen Trumpf für seine eigene Ära ausspielen: „Des Teufels General“ hat seine magnetische Kassenkraft in Bochum bis jetzt aufgespart. Nun aber ist es soweit Und damit auch die politische Pikanterie der Bochumer Nachkriegsbühne ihren Höhepunkt erreicht, wird General Harras kein anderer sein als – Alexander Golling. Tableau!

Johannes Jacobi