Jive oder die Strapazen eines neuen Modetanzes

Von Karl N. Nicolaus

Als ich die Arena der „Jive-Nacht“ betrat, hatte ich eine Vision: ich sah schwarz für die Portokassen Hamburgs. Denn wie sonst sollten so viele „Halbstarke“ den Eintrittspreis von zehn D-Mark aufgebracht haben? Teils standen sie mit jener Lässigkeit herum, die aus den Menschen eine besondere Sorte von Fragezeichen macht. Teils saßen sie auf Stühlen und bemühten sich, ihre Füße auf andere noch unbesetzte Stühle zu legen. Von Zeit zu Zeit stießen sie Schreie aus –: die glichen den Schreien von jungen Mäusebussarden, die es üben, sich auf eine Maus (Attrappe) zu stürzen. Die Schreie standen in Verbindung mit den Darbietungen einer Jazzkapelle, die auf der Bühne spielte, als wollte sie in ernsthafter Konkurrenz zu den berühmten Posaunen von Jericho die Mauern des Saales zum Einsturz bringen. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, daß jedes Instrument ein anderes „Stück“ spielte. Außerdem schienen Preise für die einzelnen Instrumentalisten ausgesetzt zu sein, denen es gelänge, alle anderen Musikanten an die Wand zu blasen. Derartige Versuche unterstützten die Zuschauer, indem sie begeistert „he, he, he“ riefen.

Dies also nennt man eine „Jam-Session“. Ich fand mittlerweise heraus, daß die Musiker der jeweils amtierenden Jazzband doch zusammenspielten, wenn sie dies auch sehr geschickt zu verbergen wußten. An Rhythmus war kein Mangel.

Die sehr sachverständigen sehr jungen Leute, die ich überall um mich herum erblickte, erörterten nun die Frage: „Wann wird getanzt?“ Da es noch nicht so weit war, rutschten sie auf ihren Stühlen hin und her mit einer Ausdauer, wie ich sie bisher nur bei gewissen Affen im Zoo beobachtet hatte. Bis zu regelrechten „Sitz-Tänzen“, wie sie in der Geschichte der Tanzkunst verzeichnet sind, brachten es allerdings nur ausgesuchte Exemplare. Schließlich begann dann der „praktische Teil“, nachdem die Stühle aus der Mitte des Saals fortgeräumt waren.

Ameisen oder Hornissen?

Es brach nun ein Sturm los, den man für den Ausbruch einer Geisteskrankheit hätte halten können. Es war, als wären in jähem Anflug Schwärme von Ameisen über die Tanzenden hergefallen, die sich nun bemühten, die Quälgeister abzuschütteln. Dann wieder fand ich, daß es doch größere Tiere sein müßten, vielleicht Hornissen, denn Ameisen hätten sich bei diesem Zucken und Zittern kaum zu halten vermocht.