Eine Erörterung des deutschen Standpunktes in der Walfangfrage ist schwierig, wenn man die Ereignisse während des Krieges und der ersten Nachkriegsjahre nicht kennt. Eine 1948 in den USA erschienene Broschüre von Dr. Karl Brandt, Ordinarius an der Stanford-Universität in Kalifornien, „Walfang und Walöl während und nach dem zweiten Weltkrieg“, hat in deutschen Fachkreisen lebhaftes Interesse gefunden, weil sie wichtiges Quellenmaterial ergänzt und weil sie mit kluger Einsicht und lebendiger Anschauung geschrieben ist. (Originaltitel: „Whaling and Whale Oil during and after World War II“, by Karl Brandt; War-Peace Pamphlet Nr. 11 published by the Food Research Institute, Stanford University, Stanford, California, Price 0.50 $. – Prof. Brandt ist auch der Autor des international als maßgebende Quelle zu bewertenden Buches „Whale Oil, an economic analysis“, 1940 vom gleichen Institut veröffentlicht.)

Brandt berichtet, daß während des Krieges alle britischen (10) und japanischen Flotten (6) verlorengingen. Norwegen büßte von 15 Flotten (darunter eine unter der Panamaflagge) neun und Deutschland von fünf Flotten zwei ein (“Jan Wellem“ von Henkel & (Sie. und „Südmeer“ vom Ölmühlen-Konsortium). Die USA hatten ihr Mutterschiff (Ulysses) in einen Tanker umgebaut. Eine einzige – norwegische – Flotte befand sich noch im Fangfeld, als die Vertreter Norwegens, der USA, Großbritanniens und einiger Dominions im Januar 1944 in London zusammenkamen, um ein neues internationales Walfangabkommen zu beschließen. Das Ausscheiden Deutschlands und Japans sowie der Verlust so vieler Flotten erleichterte den Abschluß einer weitgehenden Vereinbarung; man fand die Lage günstige um über die mannigfachen Schonbestimmungen der Londoner Konferenzen von 1937 und 1938 hinaus eine Beschränkung des Fanges auf 16 000 Blauwaleinheiten durchzusetzen.

Diese Maßnahme wurde wiederum „biologisch“ begründet: die Beschränkung solle der Erhaltung des Walbestandes dienen. Man stimmte indessen zu, die Schonbestimmungen für die Dauer des Krieges und der ersten Nachkriegszeit zu lockern, um durch eine stärkere Benutzung dieser Quelle den bedrohlichen Mangel an Öfen und Fetten zu mildern. Wann man wieder über die zur Erlegung der festgesetzten Anzahl Wale erforderlichen Flotten verfügen würde, wie also die Neubaumöglichkeiten nach Kriegsende sein würden, wußte man damals noch nicht. Aber man stellte den wichtigen Grundsatz der Beschränkung vorsorglich auf, der den Absichten der finanziell eng miteinander verbundenen britischen und norwegischen Walfanginteressenten im Hinblick auf die weitere Entwicklung zu entsprechen schien.

Im November 1945 fand eine zweite und ein Jahr darauf die dritte und wichtigste Konferenz in Washington statt. 14 Staaten – darunter Rußland – nahmen teil und 5 weitere – darunter Südafrika – entsandten Beobachter. Sie übernahmen den Grundsatz der Beschränkung des jährlichen Fanges auf 16 000 Blauwaleinhalten als künftige Normalernte und setzten für die Durchführung eine Kommission ein, in der alle Unterzeichnerstaaten durch ein Mitglied vertreten sind. Ihre Aufgabe ist u. a. die Sammlung und Weitergabe aller Forschungsarbeiten, die den Walbestand betreffen; sie setzt die Schonbestimmungen von Jahr zu Jahr neu fest. Sie soll ihre Beschlüsse auf Grund des jeweiligen Standes der Forschung fassen. Die Kommission darf keine Beschränkung im Hinblick auf die Nationalität der Flotten oder auf deren Anzahl verfügen; sie darf nicht für einzelne oder für Gruppen von Flotten oder Landstationen besondere Quoten festlegen. Sie ist gehalten, die Interessen der Verbraucher von Walerzeugnissen sowie der Walfangindustrie in Betracht zu ziehen. Gegen ihre Beschlüsse haben die Regierungen der Unterzeichnerstaaten das Recht des Vetos, das sie innerhalb 90 Tagen einlegen können, woraufhin die Wirksamkeit der Beschlüsse für 90 Tage aufgehoben ist. Nach Ablauf dieser Frist werden sie, falls sich keine Mehrheit dagegen ausspricht, verbindlich, jedoch nur für die zustimmenden, nicht aber für die widersprechenden Staaten.

Diese der Kommission auferlegten Bindungen, so sagt Brandt, zeugen von einer weisen staatsmännischen Einsicht, denn Länder, die ein besonderes Interesse an der Förderung ihres Walfangs haben, könnten, wenn sie sich infolge allzu enger Vorschriften in ihrer Entwicklung behindert glauben, durch ihren Austritt den Bestand des Abkommens gefährden. Darum hat man es so elastisch gestaltet.

Indessen ist es klar, daß die Beschränkung der Ernte auf eine bestimmte Anzahl Wale, nach deren Erreichung der Fang von allen Teilnehmern gleichzeitig abgebrochen werden soll, für alle diejenigen Flotten gefährlich wird, die Anfänger sind und nicht über ein erfahrenes Fangpersonal verfügen. In diesem Zusammenhang kommt einem von der norwegischen Regierung erlassenen Gesetz hohe Bedeutung zu, das ihren Walfängern die Annahme von Diensten in ausländischen Unternehmungen verbietet. So wurde vom Handelsministerium Personal in Strafe genommen, das 1946/47 auf der holländischen Fangflotte tätig gewesen war, und es verbot die Tätigkeit eines norwegischen Schiffskonsulenten für eine argentinische Walfanggesellschaft. An diesem – im Hinblick auf den eminent internationalen Charakter der norwegischen Schiffahrt – erstaunlichen Gesetz ist in Norwegen selbst wegen seines „undemokratischen Charakters“ starke Kritik geübt worden, und zwar um so mehr, als sich das Handelsministerium aus politischen Gründen genötigt sah, die Anheuerung auf der (ehemals deutschen) Sowjet-Fangflotte zu gestatten.

In der Washingtoner Konferenz hat die von einigen Interessenten gehegte Absicht Schiffbruch erlitten, den Walfang nach dem Ausscheiden Japans und Deutschlands allein auf britische und norwegische Unternehmen zu beschränken. Zuviele Länder seien heute am Walfang interessiert, als daß sich eine Monopolisierung habe durchführen lassen. Diese Feststellung Brandts, die uns die politischen Schwierigkeiten, denen die Wiederaufnahme unseres Walfangs begegnet, deutlich vor Augen führt, möchten wir durch folgende Überlegung ergänzen. Es war unzweifelhaft die Absicht der Norweger und Briten, Japan und Deutschland mit dem politischen Argument auszuschalten, Walfangflotten stellten ein Kriegspotential dar. Damit waren die wegen ihrer praktischen Erfahrung stärksten Wettbewerber beseitigt. Die neu entstehenden Gesellschaften in anderen Ländern, die noch keine Erfahrung besitzen, hoffte man durch das norwegische Gesetz niederzuhalten, das den norwegischen Walfängern die Anheuerung auf fremden Flotten verbietet. Es ist zwar eine durchaus falsche Auffassung, daß die Norweger eine bessere Eignung zum Walfang haben als andere seefahrende Nationen, und sie wird auch nicht dadurch richtiger, daß sie von den Norwegern (und ihren ihnen finanziell verbundenen Freunden) geflissentlich verbreitet wird: aber sie haben die größere Erfahrung. Ihre Schützen bildeten sich zu einer Zeit aus und deren Auslese vollzog sich, als es keinerlei Fangbeschränkungen gab und als das Versagen einzelner Schützen durch eine Verlängerung der Fangdauer und durch Raubbau ausgeglichen werden konnte. Nachdem aber 1937 das Londoner Abkommen die Fangzeit auf 90 Tage begrenzt hatte, erlitt eine neue und noch nicht abgeschriebene Flotte Millionen-Verluste, wenn sie nicht von ausgesuchten, erfahrenen Schützen geführt wurde. Sobald die Walölpreise von ihrem gegenwärtig hohen Stand herabsinken, wird dieser Zustand rasch wieder eintreten. Es gibt schließlich zu denken, daß die britischen und norwegischen Walfanginteressenten, die so sehr die Erhaltung und Beschränkung des Walbestandes betonen, die weniger erfahrenen Politiker auf der Washingtoner Konferenz offenbar nicht auf das Bestehen des riesigen jungfräulichen Walreservoirs im Roßmeer hingewiesen haben. Alles deutet darauf hin, daß der Versuch unternommen wird, Norwegen und Großbritannien auf Umwegen die Monopolstellung zu verschaffen, die sie auf der Washingtoner Konferenz nicht durchsetzen konnten.