Wird der Kanaltunnel zwischen England und Frankreich gebaut?

Von R. Dassel

Nach zweijähriger Beratung ist eine Kommission des britischen Unterhauses zu der, Überzeugung gekommen, daß die Untertunnelung des Ärmelkanals kein utopisches Projekt ist. In einer der nächsten Parlamentssitzungen sollte über den Bau bereits abgestimmt werden, der Antrag ist nun aber doch abgelehnt worden. Auch in Frankreich beschäftigt man sich mit demselben Plan. Erst kürzlich empfahl der Minister für Transport und öffentliche Arbeiten, Christian Pineau, internationale Abmachungen über den Tunnelbau. Das dritte Land, in dem Tunnelprojekte diskutiert werden, ist Spanien – die Straße von Gibraltar soll unter Wasser „überbrückt“ werden.

Es ist wenig bekannt, daß der Plan des Tunnels unter dem Ärmelkanal bereits auf das ehrwürdige Alter von rund eineinhalb Jahrhunderten zurückblicken kann. Er stammt also schon aus der Zeit vor dem Aufkommen der ersten Eisenbahnen. Es war während der Friedensverhandlungen zwischen Frankreich und England im Jahre 1802, als der französische Ingenieur Mathieu-Favier sowohl dem Konsul Bonaparte wie dem englischen Staatsmann Fox den Plan unterbreitete, durch einen unterseeischen Tunnel eine von Sturm, Nebel und Meereswogen unabhängige Postverbindung zwischen den beiden Ländern zu schaffen. Beide Staatsmänner standen der Anregung sympathisch gegenüber. Der Tunnel sollte an der schmälsten Stelle zwischen Dover und Calais angelegt werden. Eine Eigentümlichkeit des Projekts war der Vorschlag, die in der Mitte des Kanals liegende Sandbank von Varnes über die Meeresoberfläche hinaus zu erhöhen und hier dem Tunnel eine Öffnung nach oben Sir Lüftung und Beleuchtung zu verschaffen. ja, Mathieu-Favier sah sogar vor, die recht ausdehnte Sandbank nach erfolgter Erhöhung zu benutzen, um mitten im Kanal eine bedeutsame Stadt nebst einem Rettungshafen für Schiffe in Not anzulegen. Der schon 1803 erneut aufbrechende Krieg zwischen Frankreich und England, der sich in den Jahren der Kontinentalsperre zu einem Kampf auf Leben und Tod entwickelte, machte aber dem geistreichen, obwohl etwas phantastischen Plan Mathieu-Faviers ein Ende.

Pläne, die immer wieder scheitern

Von Zeit zu Zeit tauchte der gleiche Gedanke immer wieder auf. Nachdem Brunei 1843 den Londoner Themsetunnel erfolgreich vollendet hatte, erwog vor allem der englische Ingenieur Coppet immer wieder die Idee, entweder einen Kanaltunnel oder aber eine Riesenbrücke über den Kanal zu konstruieren. Er berechnete die Kosten eines Tunnels auf 200 Millionen Francs, die einer Brücke aber auf 1800 Millionen. Der Tunnel sollte vom Marktplatz in Dover bis zum Marktplatz in Calais reichen und jetzt natürlich auch Eisenbahnzüge aus einem Land ins andere fahren lassen. Die damalige französische Regierung aber versagte sich dem Plan.

Es dauerte bis 1856, ehe der Gedanke neu auflebte. Der französische Ingenieur Thome de Gamond entwarf sowohl für den Tunnel wie für die Brücke ein gründlich durchgearbeitetes, von Kostenanschlägen begleitetes Projekt, sah auch schon die Möglichkeit vor, den Tunnel im Fall eines künftigen Krieges zwischen Frankreich und England unter Wasser zu setzen und militärisch unbrauchbar zu machen. Napoleon III., der technisch lebhaft interessiert war, beauftragte seinen Minister Revalier, Gamond jede Hilfe zuteil werden zu lassen. Doch scheiterten die Bemühungen diesmal an der englischen Regierung. Lord Palmerston hatte für hochfliegende technische Ideen kein Verständnis. Er, der 1857 auch den Lessepsschen Plan des Suezkanals als lächerliche Utopie behandelte, als „größtes Schwindelprojekt des Jahrhunderts“, weigerte sich, Gamond zu fördern und erwiderte dem Ingenieur sehr charakteristisch: „Wie können Sie von uns verlangen, daß wir eine Entfernung verkürzen sollen, die uns jetzt schon zu klein erscheint?“ Gamond stellte auf der Pariser Weltausstellung von 1867 seine Pläne aus und erregte damit großes Aufsehen, auch in England. Man ließ Bohrungen vornehmen, um die Möglichkeit der Ausführung zu prüfen: Das Resultat war günstig, denn der Grund des Meeresspiegels bestand aus einer mächtigen, völlig wasserundurchlässigen Schicht von Kreidelehm.