Von Kaethe Strauß-Reichard

Brasilien, im April

Es ist weder neu noch selten, daß bücherschreibende Frauen ihre geistigen Kinder unter einem Vatersnamen in die Welt hinausschicken, indem sie ein männliches Pseudonym wählen. Die beiden bekanntesten Beispiele: George Sand im vorigen Jahrhundert, Sir Galahad in der jüngsten Vergangenheit. Maßgebend für den Verzicht auf den eigenen Namen ist wohl meistens die Angst vor dem Vorurteil, Frauen verstünden nichts von den ernsteren Problemen des Lebens, Frauen hätten nur etwas von Liebe zu wissen und die romantisch angehauchten Leser mit Lektüre darüber zu versorgen. Was sie ja tatsächlich ausgiebig tun.

Die bücherschreibende männliche Konkurrenz auf diesem Gebiete hat es darum schwer, mit weniger gewichtigen und erotisch-deutlichen Romanen wie etwa Forever Amber“ zu Großauflagen zu gelangen. Ein junger brasilianischer Schriftsteller kam deshalb auf die neuartige Idee, sich als Autorin zu maskieren. Er veröffentlichte unter dem amerikanisch klingenden Namen Susana Flag ein Buch, das wirklich so ist, wie sein Titel verheißt: „Mein Schicksal ist es, zu sündigen!“ Tausende haben dieses Buch verschlungen und der Briefkasten vieler Zeitschriften wurde von Lesern und Leserinnen mit der Anfrage bestürmt, wer Susana Flag eigentlich sei und ob das Buch als Autobiographie angesehen werden könne.* Nun, Susana Flag hat inzwischen noch ein Buch geschrieben und der junge Autor kam auf diese Weise endlich zu den Mitteln, mit denen er unter seinem eigenen Namen ernsthafte Bücher veröffentlichen und ein Schauspiel auf die Bühne bringen konnte, wobei er prompt all sein „mit der Sünde“ verdientes Geld wieder verlor. Dies nicht zuletzt darum, weil mancher schreibende Kollege seine Wut über die finanztechnische Geschicklichkeit des Konkurrenten in Form schlechter Kritiken an dessen echten geistigen Kindern ausließ.

Wenn es Mode werden sollte, Kitsch grundsätzlich unter weiblichem Namen in die Welt hinauszuposaunen, dann werden viele Frauen, die ihren Mitmenschen wirklich etwas zu sagen haben, in Zukunft um ihre Umtaufe auf männliche Vornamen besorgten müssen. Außerdem ließe sich noch die Frage aufwerfen, warum so viele Leserinnen sich auf Bücher stürzen, in denen Lebensformen und Schicksale beschrieben werden, denen sie überlegene moralische Verachtung zollen, wenn sie ihnen zufällig im täglichen Leben begegnen – eine Frage, über die ein Buch geschrieben werden könnte, aber ohne Pseudonym.