Von Hellmut Holthaus

Alles schon dagewesen, sagt der berühmte Rabbi Akiba ben Joseph in einem Gutzkowschen Stück, und es muß wahr sein. Tritt auf, Aristion, spiel uns die Rolle, die Klio nach der historischen Wahrheit aufgeschrieben hat, ohne ihre dichterischen Schwestern zu bemühen! Da bist so gründlich in Vergessenheit geraten, daß nicht einmal unsere ins Antike so verliebten Bühnenautoren sich deiner entsinnen; aber wenn da auch die ausschweifendsten Torturen der Unterwelt verdienst – dies verdienst du nicht.

Athenion, genannt Aristion, lebte in Athen vor achtzehnhundert Jahren. Was sind achtzehn Jahrhunderte? Als Quisling fing er an. Mithridates, Roms großer Gegenspieler. hatte damals das ganze Kleinasien unter seine Herrschaft gebracht, und seine grausamen Armeen hatten die Tore Europas schon aufgebrochen. Aristion war ein glänzender Redner, der die Kunst verstand, den Leuten zu erzählen, was sie hören wollten. Er sang den Athenern das Loblied des Eroberers, der sie von der römischen Knechtschaft – unter der es ihnen gleichwohl nicht schlecht erging – befreien werde, und erreichte es, daß er mit einer Ergebenheitsadresse an Mithridates abgesandt wurde. Leute wie ihn können Eroberer wohl brauchen, und so war es nicht wunderbar, daß Aristion mit allen Gunstbezeugungen und Vollmachten des Mächtigen zurückkehrte. Der Pöbel, der glaubte, daß er nichts zu verlieren habe, machte ihn zum Oberbefehlshaber, und Aristion dankte mit den Worten: Er werde, nun allein so viel vermögen wie sie alle zusammengenommen.

Die Athener hatten ihren starken Mann, und es kam, wie es kommen mußte und wie meine Zeitgenossen es sich ausmalen können, ohne den Plutarch oder die beiden anderen Gewährsmänner gelesen zu haben. Das erste, was Aristion tat, war, daß er die damals regierenden Archonten ihrer Ämter enthob und willfährige Kreaturen an ihre Stelle setzte. Wer römisch gesinnt war, wurde als Staatsfeind gebrandmarkt und kurzerhand umgebracht. Folter oder Tod war jedem sicher, der nicht „auf dem Boden des Staates“ stand. Sein Vermögen fiel an den Staat, das heißt an Aristion. Sein Reichtum wuchs im gleichen Tempo, in dem die Athener zu Bettlern wurden.

Es kam aber noch besser. Dem wirtschaftlichen Ruin folgte die Rationierung der Lebensmittel wie sein Schatten. Aristion füllte seine Speicher mit dem Getreide der beschlagnahmten Güter und verteilte täglich ein knappes Pfund Gerste „auf den Kopf der Bevölkerung“. Das war alles, und es war eine Hungerration. Das Volk hielt nur durch, weil es arbeitslos war und seine Kräfte notgedrungen schonte. Heimlichen Zusammenkünften Unzufriedener bei Nacht beugte der Tyrann durch die weise Polizeiverordnung vor, die es jedermann verbot, sich nach Sonnenuntergang ohne Lampe auf der Straße zu zeigen.

Inzwischen hatte Rom den Sulla mit fünf Legionen gegen das abtrünnige Athen abgeschickt. Aristion gab – wie hätte es anders sein können? – die Parole „Bis zum letzten Blutstropfen!“ aus. Und während infolge der Belagerung die Rationen ständig gekürzt werden mußten, während die Verhungernden sich von Gras, vom gargekochten Leder ihrer Schuhe ernährten, ersäufte die Regierung ihre Angst in rauschenden Gelagen. Aristion und seine Freunde speisten, tranken, tanzten und sangen. Einige Ratsherren und Priester, die das Herz hatten, dem Tyrannen die Übergabe nahezulegen, ließ er mit Pfeil- – schüssen verjagen.

Als er sich schließlich doch entschloß, zwei Unterhändler abzuschicken, war es zu spät. Über eine leichter ersteigbare, aber schlecht verteidigte Stelle der Stadtmauer drangen die Römer bei Nacht in Athen ein, plünderten, verwüsteten und mordeten. Aristion saß im Bunker, will sagen in der Burg, und als er schließlich aus Wassermangel kapitulieren mußte, wurde er von den Römern totgeschlagen. – Dies ist die Geschichte Aristions, und das Kurioseste an ihr ist, daß Aristion ein Philosoph von Berufs wegen war. Bis er es in der Politik zu etwas brachte, hatte er, der Sohn einer ägyptischen Magd und eines athenischen Peripatetikers, seinen Unterhalt als philosophischer Wanderlehrer verdient.