Von Egon Vietta

Tag und Nacht schallt und scharrt das Wasser der Maggia, Tag und Nacht arbeitet es sich durch die geräumigen Schluchten. Du hörst das kräftige Geschäft der Erde, das überall ans Licht drängt. Du spürst, wie’s unterirdisch keimt und quillt. Und was wir sehen, ist nur ein kleiner Teil des göttlich stummen Waltens. Die Dichter wissen’s. Die Dichter, die in Minusio oder rundum in den Villen hausen, wo die Lateiner einst die Laren verehrt ...

In diesen Tälern des Tessin, wo alle Sprachen Europas zu Hause sind, hier sind die Episteln Eschmanns geschrieben worden, die Episteln eines modernen Horaz, der aus den Bürgerkriegen, den zerrissenen Städten und verrußten Kohlengruben zu einem neuen Leben mit der Natur und mit dem Versmaß der antiken Dichter gefunden hat. Oleander und Palmen, Rebe und Pinie, vom Winde bewegt, skandieren die Verse mit.

Früher krempelte ich mir immer die Ärmel hoch, daß Feierlichkeit über mich käme. Feierlichkeit, höchst nötig zum Dichten.

Ich warf diese Last ab. Ich habe nicht mehr den Gedanken, daß ich etwas mache.

Es kommt zu mir oder es kommt nicht wie ich Hunger oder Frieden habe oder mitten am Tag mich ein Verlangen befällt.

Ein Geständnis: „Ich dichte für mich. Es behagt mir“ ist das Otium cum dignitate des Horaz, ist jenes zwanglos beiläufige, unauffällige, geduldige Gespräch mit den Musen, das wir fern