Arkadien und nicht Orplid

Von Egon Vietta

Tag und Nacht schallt und scharrt das Wasser der Maggia, Tag und Nacht arbeitet es sich durch die geräumigen Schluchten. Du hörst das kräftige Geschäft der Erde, das überall ans Licht drängt. Du spürst, wie’s unterirdisch keimt und quillt. Und was wir sehen, ist nur ein kleiner Teil des göttlich stummen Waltens. Die Dichter wissen’s. Die Dichter, die in Minusio oder rundum in den Villen hausen, wo die Lateiner einst die Laren verehrt ...

In diesen Tälern des Tessin, wo alle Sprachen Europas zu Hause sind, hier sind die Episteln Eschmanns geschrieben worden, die Episteln eines modernen Horaz, der aus den Bürgerkriegen, den zerrissenen Städten und verrußten Kohlengruben zu einem neuen Leben mit der Natur und mit dem Versmaß der antiken Dichter gefunden hat. Oleander und Palmen, Rebe und Pinie, vom Winde bewegt, skandieren die Verse mit.

Früher krempelte ich mir immer die Ärmel hoch, daß Feierlichkeit über mich käme. Feierlichkeit, höchst nötig zum Dichten.

Ich warf diese Last ab. Ich habe nicht mehr den Gedanken, daß ich etwas mache.

Es kommt zu mir oder es kommt nicht wie ich Hunger oder Frieden habe oder mitten am Tag mich ein Verlangen befällt.

Ein Geständnis: „Ich dichte für mich. Es behagt mir“ ist das Otium cum dignitate des Horaz, ist jenes zwanglos beiläufige, unauffällige, geduldige Gespräch mit den Musen, das wir fern

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der Bekümmerung um den vierten* großen Krieg, der schon hinter dem dritten heraufzieht, wo China gegen Amerika kämpft

führen, das versäumte Gespräch, an dem wir kranken: weil wir es verdrängt, in die Sommerfrische verbannt haben. Um so schöner, wenn die Dichter uns die Zunge lösen.

Das aber ist in den „Tessiner Episteln“ des Ernst Wilhelm Eschmann geschehen. Auch wenn ihre Tessin-Herkunft nicht ausdrücklich genannt wäre, bedürfte es keiner Wünschelrute. Die Wasser, die in den wie unabsichtlich gesagten Zeilen pochen, verraten ihre Heimat:

Heute, als ich unter den Trompetenblumen auf der Terrasse lag, hätte ich mit meinem Buch beinahe zwei Ameisen erschlagen. Da es ein Buch von Tibet war und den frommen Mönchen dort, die vor allem Lebenden Ehrfurcht haben, wäre das nicht nur traurig, sondern auch im höchsten Grade unpassend gewesen.

Eschmann hat in seinem „Punktbuch“ über Gott meditiert. Doch dies nicht in der Sprache der Mystiker. „Wer zu Gott will, darf nicht den Willen haben, zu ihm zu gehen.“ Offenbar ist die lateinische Sphäre des Tessin den Kathedralen von Chartres, dem Münster von Zürich und dem Kölner Dom weit entrückt. Darum begegnet uns in Eschmanns Episteln ein irdischer, ein erdverhafteter Gott. Und nicht nur, daß die Mystik fehlt –: alle Dinge liegen nahe, greifbar und sind doch beseelt. Vergessen wir nicht, daß die Poeten des Auges, die van Gogh oder Gauguin, längst mit dem idealistischen Fernweh gebrochen haben und Apfel, Zimmer, Stühle mit der Poesie des Einfachen versehen haben.

Es ist nicht das „Thema“, der „Plan“, der diese Episteln beherrscht – so wenig wie die Natur ein Thema oder einen rationalen Plan hat –, sondern es ist ein Kommen und Gehen, ein erscheinendes Anschlagen der Tastatur, als ob der Klang, die Reinheit des Tons nur spielerisch geprüft würde. Wo immer aber der Dichter zu improvisieren scheint, regen sich die Tessiner Penaten.

Zweifellos gibt es eine Literatur, in der dieser formlos geformte Ton zu Hause ist: die angelsächsische. Eliot hat schon in seinem „Prufrock“ (1917) den Spaziergang der Verse scheinbar unverbindlich an die verborgenen Quellseen menschlichen Tiefsinns gelockt und die„pattern“, die Art und Weise gefunden, das Bedeutende ohne Akzent, ohne Pathos und ohne symbolistische Formenstrenge mitzuteilen. Aber der deutschen Literatur ist dieser Weg bisher versagt geblieben. Stefan George, der in Minusio begraben liegt, hat seinen Jüngern den Katechismus der Formen vermacht, den auch Rilke mit seiner barockeren Syntax nicht gesprengt hat. Es schien bisher unmöglich, daß – wie es Eschmann jetzt gewagt hat – ein lyrisch gültiges Gedicht so profan beginnen konnte wie:

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Tante Clara ist gestorben. Wir waren eigentlich kaum verwandt, und sie stand mir nicht besonders nahe.

Eschmann ist Soziologe. Er hat in seinem „Griechischen Tagebuch“, in den „Erdachten Briefen“ und in seinen bisher nur teilweise veröffentlichten Novellen das Verständnis für die gegenwärtige Situation des Menschen immer wachgehalten, und man erinnert sich, daß gerade die Soziologie zu einer Domäne der Angelsachsen ausgebildet worden ist. Die Soziologie, die Gegenwartsanalyse par excellence ist, erlaubt aber keine dichterische Flucht in ein Land Orplid, das nicht existiert und das noch nicht einmal von Stefan George gemeint war, als er die Sprache aus dem Gewäsch der Piazza herausgehoben und kristallinisch rein dargestellt wissen wollte. Dennoch ist die „Poésie pure“ zum Ärgernis der – deutschen Lyrik geworden, so sehr, daß heute sogar die Ruinen unserer Städte in formvollendeten Sonetten besungen werden. Infolgedessen ist es bislang auch nicht möglich gewesen, eine so epochale Dichtung wie Eliots „Four Quartett“ einzudeutschen, weil die sprachlichen Voraussetzungen fehlen. Immerhin –: es scheint, als sei Eschmann in den „Tessiner Episteln“ aus dem lyrischen Kristallpalast ausgebrochen, ohne die dichterische Tiefe zu gefährden. Damit aber wäre das geleistet, was der deutschen Lyrik bisher mangelte:

„Ich begreife nicht“, singt er in der letzten Epistel, „wie man sich so leichthin von einem Raum trennen kann, in dem man auch nur einige Zeit gelebt hat und in Wirklichkeit tut dies auch niemand gern, genau wie die meisten Männer und sogar Frauen doch ungern ein altes Kleidungsstück fortgeben, das so viel an Erlebnis und Seele und kleinen Ichteilchen in sich aufgenommen hat und sein Inneres dafür gegeben, das stets unschuldige Innere des Stoffs.“

Die Trennung von dem so lieb gewordenen Sprachraum, in dem die Großen – wie Hofmannsthal, Rilke oder George – zu Hauser gewesen sind, ist eine bittere Operation, aber sie bringt keinen Verlust, weil ein neues Verhältnis zur Umwelt, nämlich das, in dem wir eigentlich, leben, dafür eingetauscht wird. Es ist der lateinische Mutterboden, der diesem metaphysischen Realismus günstig war. Denn hat nicht schon einmal das handfeste Arkadien des Horaz das Geheimnis der menschlichen Selbstbescheidung auf das Nächstliegende erschlossen?