Die vor Jahresfrist wiedergegründete Kestner-Gesellschaft in Hannover, die unter ihrem neuen Kustos Dr. Alfred Hentzen wieder zu einem Mittelpunkt des modernen deutschen Kunstlebens geworden ist, zeigt jetzt in ihrem Haus eine umfassende Schau des Gesamtwerkes des Malers Werner Gilles. Gilles wurde 1894 in Rheydt geboren und war Schüler Feiningers. Zwei Jahre weilte er in Frankreich, weitere zehn in Italien. Heute lebt Gilles in München.

Revolutionäre Wandlungen in der Kunst zielen vor allem darauf, unterdrückte Teile unserer Menschlichkeit wieder an das Tageslicht zu heben. Kunst ist der reine Widerspruch. Sie drückt gar nicht die ‚wirkliche‘ Gegenwart aus, sondern die verborgene Möglichkeit, die als Traum und Ahnung in der Gegenwart eingeschlossen ist. Nun ist die Lebenspraxis des modernen Menschen zu sehr nach außen gerichtet, die Technik seiner Lebensbewältigung ist kaum mehr als eine einfache Reflexbewegung auf die Einflüsse des Draußen. Die Radikalität der modernen Kunst erklärt’sich aus der Radikalität ihres menschlichen Widerspruchs. Sie eben vollzieht die grundsätzliche Schwenkung und findet ihre neue Welt geradewegs im Innern des Menschen wieder. Von daher kommen uns ihre Mitteilungen.

Die neuen Mitteilungen des Malers Gilles gründen sich auf ein sehr einverstandenes, sehr frommes, sehr begeistertes Hören auf die Regungen des inneren Lebens. „Mir zeigt sich schon ganz deutlich, daß der unerkannte Stil unserer Zeit eine alles beseligende Menschlichkeit sein wird. Es wird nur der daran teilhaben können, der sich nichts angelegener sein läßt, als die Suche nach dem, was er in sich an Menschlichem in bestem Sinne entdecken kann“. Seine Malerei ist ein Finden von Bildern, die diesen inneren Regungen gleichnishaft entsprechen. Er ist also im Zustand des lyrischen Dichters und läßt sich oft von solchen anregen: von Hölderlin, Baudelaire, Rimbaud. Wie die Dichter liebt er es, in gegenständlichen Metaphern zu sprechen. Er ist also durchaus kein ,abstrakter‘ Maler, der nur im Spannungsfeld der farbigen Formen ein Symbol für einen Gemütszustand sucht, noch gehört er zu jenen puritanischen ‚Konstruktiven‘, die das Bild nur als einen in sich schönen Gegenstand verstehen. Gilles ist ein Poet, dem in der Liebe zur Schöpfung und in der Inspiration der lyrischen Stunde Szenen, Figuren und Dinge im Lichte eines verklärten Traumes entstehen. Diesen lyrischen Traum malt er, wobei ihm der gegenständliche Inhalt von hoher sinnbildlicher Bedeutung ist, und er drückt das eigentlich Lyrische, diese abstrakte Erregung des Herzens, in einer selbständigen Sprache freier Farben und Formen aus.

Die eigentliche Mühsal besteht darin, aus dem lyrischen Traum nun ein in sich geordnetes, klangvoll gefügtes Bild, eine gemalte Tatsache, zu machen. Wichtige Einsichten im Umgang mit den bildnerischen Mitteln hat Gilles aus dem Werk von Picasso und Matisse gewinnen können, andere aus dem Werk Paul Klees. Aber er ist ein so außerordentlich künstlerischer Mensch, daß ihm alles stets ganz persönlich gerät. Auch ist er ein von seinen vielen, schönen Träumen so tief ergriffener Mensch, daß er manchmal die gar zu harten Forderungen der ‚gemalten Tatsache‘ gern überhört. Da ist es dann dieses kleine Etwas von rührender Einfalt, ein kleines Etwas von Unbeholfenheit und ein bißchen Schwarmgeister rei, die uns das Bild des Menschen Gilles nur noch liebenswürdiger und anziehender machen.

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Die „Galerie der Jugend“ in Hamburg zeigt eine amüsante Ausstellung der Bilder Bele Bachems. – Bele Bachem? Die Literaten Süddeutschlands sind schon seit langem voll des kleinen Ruhmes dieser in München domizilierten Malerin. Ihre Bilder? – das sind vor allem gemalte Träumchen jenes hochamüsanten Geschlechtes moderner Backfische, der„Bobby-Sbxers“! Im zärtlichen Diminuitiv erzählt, wird auch ein surrealistisches Motiv zum nicht ganz unschuldigen Traum der unruhigen Mädchen. Kurz – ein „Bobby-Soxer“ als Sonntagsmaler! Das neue Rokoko der modernen Franzosen wird unbekümmert ausgebeutet: der Schnörkel Dufys, das gefühlvolle Menschenbild der Laurencin, die Märchenwelt Chagalls. Es entsteht, wie jenseits der Ironie, eine Malerei für die moderne jenseits schaftsjugend (die gern ins Kino geht und ungern Schiller liest), von einer hübschen Romantik nicht ohne Erotik, mit einem sentimentalen Charme nicht ohne schlechten Geschmack. W. H.