Von Jef Last, Amsterdam

Vor kurzer Zeit hatte ich in Paris eine interessante Aussprache mit André Gide. Es handelte sich dabei um Vercors, und Gide fragte mich, ob es mir bekannt sei, daß Vercors früher einmal unter einem Pseudonym als Karikaturist tätig gewesen sei. Er legte mir dann eine Reihe Zeichnungen vor, Voller Sarkasmus und Ironie, aber auch voller Leben. Nun, fragte Gide, was ist heute aus ihm geworden? Er war einmal ein Mensch, heute ist er nur noch der Repräsentant einer weltanschaulichen Richtung. Früher gestaltete er die Wahrheit, heute biegt er sie um, weil er sie einem abstrakten Ideal unterordnet. Aber das ist die Folge, wenn sich ein Künstler in den politischen Auseinandersetzungen festlegt.

Es war mir klar, daß sich Gide damit auf die Ansicht von Sartre bezog, wie sie dieser noch am Tage vorher in einer öffentlichen Versammlung definiert hatte: Es ist die Pflicht des Künstlers, in dieser Welt Stellung zu beziehen. Nun, im Grunde waren die Ansichten Gides und Sartres gar nicht einmal so sehr verschieden; Gide haßte nur die disziplinierte Kunst, jene Kunst, die die Fülle der Lebensfarben in eine problemlose Schwarz-Weiß-Manier umdeutet, die die Gesetze des Wahren und der Schönheit um einer „Idee“ willen verrät. Hatte er doch selber noch kurz vor unserem Zusammentreffen eine Botschaft an Garry Davis geschickt, um ihm seine Unterstützung zu versichern.

Camus sagte in jenen Tagen: Um Künstler zu sein, muß man Mensch sein. Man kann nicht Mensch sein, ohne zu wissen, wo man in dem Kampfe um Gut und Böse steht. Hierauf könnte man vielleicht antworten, daß man sich in einem solchen Falle als Mensch, aber nicht als Künstler festlegen muß. Begeht man nicht einen Betrag, wenn man seinen Namen als Dichter für eine politische Sache beigibt? Schließt das nicht zugleich eine große Gefahr für die Kunst ein, weil man sie hierdurch in eine direkte Beziehung zu dem politischen Tageskampf bringt? Niemand kann diese Gefahr verleugnen, wenn man unter Politik nur die Begriffe „Partei“, „Staat“ oder „Volk“ versteht. Wir müssen hier einen gänzlich anderen Maßstab anlegen. Der Inhalt jeder Kunst umschließt neben Farbe und Tönen auch zugleich eine ganz spezifische Gedankenwelt, jedes Kunstwerk enthält eine Wahl. Das Geheimnis seiner Harmonie ist nicht ohne jenen besonderen „Gesichtspunkt“ zu denken, der alle Vielfalt der Dinge zu einem Ganzen verbindet. Maß, so betrachtet, nicht jedes Kunstwerk „Partei“ sein und unweigerlich genau so einer Sache dienen, wie es Menschenherzen packt und erfüllt? Schließlich: kann man sich einen Künstler ohne Temperament denken? Wie kann ein solcher Mensch schweigen, wenn um ihn herum das Menschenleben mit Füßen getreten wird? Muß diese Frage nicht auch in seinen Werken immer wieder auftauchen wie der Kopf Karls des Ersten in David Copperfield? Man denke daran, wie sich Dante, Milton, Victor Hugo oder Zola verhalten haben. General de Gaulle hat jetzt zwar den Künstlern freundlicherweise erlaubt, ganz nach ihrem Willen über Natur und Liebe zu schreiben, vorausgesetzt, daß sie alle anderen Themen aus dem Spiel lassen. Wie kann man jedoch die Natur in völliger Beziehungslosigkeit darstellen, wenn man sie um sich herum von Bombenkratern und Schützengräben entstellt sieht, von Stacheldrähten und Tankfallen – man braucht nur die Mondlandschaft von Hiroshima vor sich zu sehen, um zu begreifen, wie unmöglich es geworden ist, heute noch in der reinen Welt der Kunst als Selbstzweck zu leben. Selbst die Liebe kann man nicht mehr aus diesem Fragenkreis herausnehmen. Wir können die heutige Welt nicht beschreiben, ohne ihre Häßlichkeit aufzureißen; tun wir es aber, dann klagen wir an. Zu Balsacs Lebzeiten mag es vielleicht dabei noch möglich gewesen sein, künstlerischer Revolutionär und politischer Reaktionär zur gleichen Zeit zu sein. Heute ist das fast unmöglich geworden, und die Fronten sind unerbittlich. Mögen wir auch in Frankreich oder England noch einen gewissen Spielraum der Freiheit haben, schon in Amerika wird er immer schmaler, und hinter dem eisernen Vorhang ist der letzte Rest von Freiheit ausgelöscht. Der Autor wird ein Funktionär des Staates und der Partei, er wird gezwungen, die Wirklichkeit zu entstellen und damit endlich jede Kunst zu töten.

In einer solchen Zeit gibt es also-keine Neutralität für den Künstler. Er muß an dem Kampf teilnehmen, nicht nur als Mensch, son-– dem mit seinem ganzen Schaffen. Das darf aber niemals bedeuten, daß er irgendeine bedingungslose Verpflichtung eingeht. Die Gesetze der Kunst bleiben für ihn die höchste Autorität. Seine Verpflichtung gilt auch nicht einem bestimmten Staate oder einer Partei, sondern der Universalität des Geistes, der Wahrheit und der Liebe. Er darf sich niemals von einem politischen Auftraggeber mißbrauchen lassen. Er hat hinter der Welt der politischen Begriffe die lebendige Wirklichkeit des Menschen zu zeigen, er muß erwecken, aber nicht ersticken; er muß die Vorstellung zu ihrer ganzen Buntheit entfalten, jene Vorstellung, von der niemals eine Brücke zu Brutalität und Gemeinheit führt, weil sie das Leiden aller anderen in sich enthält.

Bedeutet nun eine solche Verpflichtung gleichzeitig auch eine Verpflichtung zum Sozialismus? Es gab einmal eine Zeit, da eine immer mehr wachsende Zahl von echten Künstlern diese Frage bejahen zu müssen glaubte. Vor dem ersten Weltkriege zum Beispiel bejahten fast alle großen holländischen Künstler diese Frage und gingen sogar soweit, Kultur und Sozialismus ohne weiteres, zu identifizieren. Sie hatten eine abstrakte Idee des Sozialismus; der Sozialismus selbst war noch nirgendwo an die Macht gelangt.

Auch noch nach dem ersten Weltkrieg gab es eine neue internationale Generation sozialisti-– scher Autoren. Ihr Thema hatte sich zwar verändert, es galt nicht mehr, der Vision einer neuen menschlichen Zukunft, es hieß Klassenkampf; die geistige und künstlerische Unterstützung dieses Klassenkampfes, um ihn einem – siegreichen Ende näherzubringen. Die Kunst wird zur Waffe. Die Schilderung des sozialen Elends wird durch die Gestaltung der revolutionären Erhebung abgelöst. Hier war gewiß echte Kunst möglich; der ewige Kampf der Menschheit ist ein großes künstlerisches Thema und wird es bleiben. Immer noch aber lag der – Sozialismus gewissermaßen vor seiner historischen Gestalt. Seine Wirklichkeit erwies sich als ein Verhängnis. Fünfjahrespläne, Nationalisierung von Dampfschiffahrt oder Transportwesen, konnten keinen Künstler mehr inspirieren.