Die folgenden Ausführungen verdanken wir Herrn Franz G. Buschmann, in Firma Bernhard Buschmann (Hamburg), der kürzlich von einer Studienreise nach dem Mittleren Osten zurückgekommen ist, wo sein Haus, seit Jahrzehnten die führende deutsche Exportfirma für Iran, bis 1939 mit einer eigenen Filiale vertreten war.

Die Stärke und damit die Unentbehrlichkeit des hanseatischen Exporthandels für den Wiederaufbau unserer überseeischen Handelsbeziehungen liegt in erster Linie in der exakten Marktkenntnis, die bei den Exporteuren, in oft viele Jahrzehnte langer Verbundenheit mit den überseeischen Märkten entstanden, durch eigene Anschauung und Erfahrungen an Ort und Stelle und in den hierdurch begründeten persönlichen Freundschaften gesichert, jenen starken Rückhalt bildet, der auch schwerste Krisenzeiten überdauert.

Hierdurch. werden die – nicht nur bei der deutschen Nachkriegsindustrie, sondern oft auch bei ihrer ausländischen Konkurrenz in Erscheinung tretenden – Fehldispositionen bei der Vergebung von Vertretungen vermieden. Dank der größeren Beweglichkeit eines auf den betreffenden Markt langjährig eingespielten Handelsapparats, gegenüber notgedrungen unbeweglicheren, weil auf einen relativ kleinen Spezialrahmen beschränkten industriellen Fabrikationsprogrammen, können so die von europäischen Verhältnissen oft grundlegend abweichenden Spezialwünsche der Kundschaft wirklich weitgehend erkannt und befriedigt werden. Diese viele Jahrzehnte alte Tradition des Hamburger Exporthandels fortzusetzen, war der eigentliche Zweck einer kürzlichen ausgedehnten Reise nach dem Mittleren Osten, nach Iran und Irak.

Vorweg gesagt sei, daß die Aufnahme in beiden Ländern, von geradezu überwältigender Herzlichkeit war, wenn auch die psychologischen Voraussetzungen dieser ausgesprochen deutschfreundlichen Einstellung, in Iran und Irak grundverschieden sind. Während die bekannte orientalische Gastfreundschaft dem deutschen Besucher gegenüber überall; die gleiche war, sieht der Iraner den Grund seines Entgegenkommens und seiner Aufnahmewilligkeit allem Deutschen gegenüber in erster Linie darin, daß ihn schon vor dem Kriege nicht nur ein überaus enger Kontakt mit Deutschland verband, das den größten Teil seiner Bedürfnisse lieferte und überdies hier im Gegensatz zu manchen seiner Konkurrenten niemals politische Ziele verfolgte, sondern daß er im Laufe dieser Verbindung vom deutschen Exportkaufmann auch den Eindruck absoluter Zuverlässigkeit gewann, der ihn trotz aller Schwarzen Listen während des Krieges jetzt die erste Gelegenheit ergreifen läßt, alte Freundschaft Wiederaufleben zu lassen. Im Irak dagegen liegt der Grund, Deutschland Sympathien entgegenzubringen, mehr in politischen Ursachen. Deutschland erscheint den arabischen Staaten auch heute noch als der gegebene Gegenpol eines dort politisch denkbar unerwünschten östlichen Kommunismus, der trotz aller Modernisierung der traditionellen mohammedanischen Grundeinstellung, die demokratisch im besten Sinne ist, radikal widerspricht.

Der iranische Markt mit seiner Bevölkerung von etwa 15 Millionen, von denen sich etwa 1 Million in der Hauptstadt Teheran konzentriert, ist durch eine geradezu unvorstellbare – wahrscheinlich eben aus falschen Vorstellungen über die wirkliche Aufnahmefähigkeit des Landes hervorgerufene – internationale Konkurrenz sowie auch durch Kriegs- und Nachkriegsauswirkungen in vielen Artikeln mit Warenlagern versorgt, die weit über den tatsächlichen Konsumbedarf hinausgehen und die, wie z. B. bei baumwollenen Stoffen, ein Mehrfaches des Jahresbedarfs ausmachen. Die Folge hiervon sind Notverkäufe zu Verlustpreisen, und es gibt manchen Importartikel, der heute in den Basaren und Straßen Teherans zu Preisen im Detailhandel zu haben ist, die weit unter den Herstellungskosten irgendeiner Fabrik der Welt liegen. Trotzdem dürften, allerdings mit der nötigen Vorsicht und auf lange Sicht gesehen, die Aussichten für deutsche Lieferungen als günstig angesehen werden, eben weil sie einen sehr guten Ruf genießen.

Im Gegensatz zur Vorkriegszeit konzentriert sich, besonders seit der vorübergehenden sowjetischen Besetzung Nordirans, das Geschäft heute fast ausschließlich auf die Hauptstadt Teheran, die auf ihrem Wege der Entwicklung zur modernen Großstadt trotz ihrer Gegensätze – z. B. ist bei einem ins Phantastische gesteigerten Autoverkehr bis heute noch keine Wasserleitung vorhanden – immer mehr die Kundschaft auch der entlegenen Provinzen des Landes an sich zieht. Der Sieben-Jahresplan, über den seit Jahren diskutiert wurde und der nun großzügige Investitionen in Landwirtschaft, Bewässerung, Bahn- und Straßenbau, Bergbau, Industrie sowie für das Gesundheits- und Erziehungswesen vorsieht (und dessen Auswirkungen sich zweifellos auch für deutsche Lieferungen günstig zeigen werden), wurde wenigstens grundsätzlich angenommen. Freilich sind die Diskussionen über die Beschaffung der erforderlichen Geldmittel noch nicht zum Abschluß gekommen.

Nicht in demselben Maße der Nachkriegsdepression erlegen ist der Nachbarstaat Irak, der zwar durch den Palästina-Konflikt finanziell verhältnismäßig stark in Anspruch genommen wurde, wo aber die Hauptschwierigkeit für die Wiederaufnahme regulärer und befriedigender Handelsbeziehungen mit Deutschland überwiegend in der augenblicklichen, für uns besonders erschwerten Importlizenzierung liegt. Aber auch hier, in dem verhältnismäßig ruhigen und ungestörten Markt eines durch seinen Ölreichtum und durch seine bei großzügiger Bewässerung immer mehr intensivierten Landwirtschaft aufstrebenden Landes von 5 1/2 Millionen Einwohnern ist der vorherrschende Eindruck, daß man mit Freude den Moment begrüßt, da Deutschland durch ein entsprechendes gegenseitiges Handelsabkommen Gelegenheit bekommt, in freundschaftlicher Konkurrenz wieder seinen normalen Anteil am Geschäft zu übernehmen. Auch hier erstreckt sich der Importbedarf angesichts der erst tastenden Versuche einer beginnenden Industrialisierung noch vorwiegend auf Konsumgüter.

Im ganzen gesehen darf aus den überreichen Erfahrungen und Informationen dieser ersten, durch einen formal immer noch nicht beendeten Kriegszustand und damit verbundene Visa-Schwierigkeiten zwar erheblich erschwerten, darum aber nicht minder aufschlußreichen und dank zahlreicher Abschlüsse erfolgreichen Reise gesagt werden, daß der deutsche Export eine Chance hat, sich seinen früheren maßgeblichen Anteil an diesen uns so überaus freundschaftlich gegenüberstehenden Märkten des Mittleren Ostens zu sichern. Aber nur dann, wenn von vornherein der größte Wert darauf gelegt wird, die Marktbedürfnisse und Kundenwünsche bis ins kleinste zu erfüllen und durch sorgfältigste Beachtung auch der geringsten Kleinigkeiten deutschen Lieferungen erneut jenen guten Ruf zu verschaffen, den sie in früheren Jahren genossen. Unsere Freunde im Orient sind jedenfalls bereit und willens, uns dabei und damit auch bei unserem eigenen Wiederaufbau zu helfen.