Die Hölle ist ein jämmerlich möbliertes Zimmer. Drei Sofas und eine Bronzefigur auf dem Kamin. Es ist eine abstrakte Hölle, denn Sartre, der nicht an den biblischen Gott glaubt, kann nicht an den biblischen Teufel glauben. Der Teufel ist ein leidlich höflicher Diener, der nacheinander drei Leute eintreten läßt und jedem sein Sofa anweist. Zuerst kommt Garein, der von einem pazifistischen Heldentod prahlt und später eingesteht, daß er ein Feigling war und auf der Flucht vor der Front erschossen wurde. (Richard Laurent nervöse Angst war danach, daß man von Mitgefühl und Ekel zugleich gepackt wurde – eine große schauspielerische Leistung). Danach erscheinen Ines (Hilde Krahl) und Estelle (Edda Seippel). Das Höllentrip ist beisammen. Der Teufel schließt die Tür zu und überläßt sie der Marterung. Wer martert die Menschen? Der Teufel? Die Menschen martern einander selbst. Die Hölle ist in den Menschen selber. Das ist es, was Sartre in seiner "Geschlossenen Gesellschaft" ("Huis clos") demonstriert.

Es müßte nicht Sartre sein, wenn dies nicht auf eine grausam packende Art und Weise dramatisch demonstriert würde. Sartre – der Existentialist, der nicht müde wird, den Menschen als ein Wesen der absoluten Freiheit zu definieren, aber einer Vergleichsweise abstrakten Freiheit, die dem Einfluß Gottes in einer gottlosen Zeit entzogen ist. El ist die Freiheit vor dem Nichts. Und sie dient dem Menschen dazu, sich selbst zu leben, nur sich selbst.

Dem Dramatiker Sartre, der vom Zusammenstoß der Leidenschaften zehren muß, spielt der Philosoph und Psychologe Sartre die Gegensätze In die Hand. Und da es zwar nicht existentialistisches Gesetz, so doch existentialistische Mode (made in Paris) ist, die Abgründe der menschlichen Seele gerade dort aufzudecken, wo sie besonders schmutzig sind (alle diese Autoren sind offenbar verharrt ins Vokabular des Schmuddeligen; sie haben ja auch den Ekel als eines der ßen Welträtsel entdeckt), deshalb läßt Sartre verdammte Ines eine lesbische Postbeamtin uud Estelle eine mannstolle Kindesmörderin sein. Ines also, (streng, grausam, klug, eine herrschsüchtige kalte Teufelin) verfolgt Estelle (außen süße Puppe, innen Morast), diese verfolgt (außen (denn auch der Feigling ist ihr noch Manns genug, Irena es nur ein Mann ist); Garcin aber, der sich In den Armen Estelles nach dem männlichen Geist Ines’ verzehrt, fleht diese um die unmögliche Bestätigung an, daß er kein Feigling sei. Wie sich die Toten tödlich hassen! Ein Mensch dem anderen zur Qual – das ist Hölle genug. Und es hieße die Augen vor der Wirklichkeit Verschließen, es hieße gewaltsam den Rang des Philosophen und Psychologen Sartre verkleinern, wollte man nicht zugeben, daß in "Huis eins" wenn nicht dir Wahrheit, zumindest dann eine große Wahrheit und viele kleine Wahrheiten stecken.

Satire, dieser eiskalt glühende Geist, ist Enzyklopädist insoweit, als er seine Lehre, die der deutsche Philosoph Heidegger so gründlich beeinflußt hat, an den verschiedensten Exempeln fortschreitend demonstriert; einerlei, ob ihm die Stoffe aus der Antike oder der Gegenwart kommen. Ein genialer Lehrer, dessen Unterricht erschauern macht, und der alles tut, damit seine Schüler das Ziel der Klasse erreichen. "Huis dos" ist das Grausamste, was man bisher auf der Bühne gesehen hat, und obwohl die "Helden" alltäglich angezogen sind und alltäglich sprechen, entfesselt das Höllenstück (das nichts als ein Spiegel des Lebens ist), alle Dämonen aus Höllen-Breughels Phantasie. Doch da hinter dem Künstler Sartre (der weitaus klüger ist als vital und der, scheint’s kein Herz hat) der Lehrer Sartre steht, stellt sich auch bei diesem Lehrer heraus –: er ist ein verkappter Moralist.

Das zweite Stück, das die Hamburger ‚Kammerspiele" neben dem Einakter "Huis dos" boten, war "Die respektvolle Dirne" ("La putain respectueuse"). Dies wirkt danach wie Kolportage –: Schüsse knallen, Geldscheine flattern auf den Tisch, eine muntere Dirne (doch ach, wie wund ist ihre Seele) strampelt mit den flotten Beinchen. Aber man täusche sich nicht –: So gewagt das Sujet erscheint (das anständige Paris errötete, als auf Theaterplakaten das anstößige Wort"Putain" erschien), so handfest ist Sartres Moralpredigt. Unanständige Mädchen, die respektabel sind, hat es auf der Bühne schon gegeben; diese Putain aber ist respectueuse. Aus New York in ein Städtchen der nordamerikanischen Südstaaten verschlagen, läßt das Mädchen einen Neger, der nichts Böses getan hat, über die Klinge springen, nicht so sehr, weil er ein Neger ist, sondern weil sie respektvoll den nationalistischen Tönen aus der Kehle eines Senators lauscht, der ihr vorsalbadert, Neger seien keine Menschen.(Juden seien keine Menschen, hieß es in letzter Vergangenheit, und wegen des Unrechts, das ihnen geschah, wissen wir in Deutschland, wie sehr Sartre recht hat, wenn er die Praxis des "Negerproblems" in Amerika anprangert, wo ab und an immer noch einmal ein Schwarzer gelyncht zu werden pflegt.) Die Dirne Lizzie, vor die Entscheidung gestellt, einen vornehmen Weißen aus alter Familie zu opfern, der ein Verbrechen begangen hat, oder aber einen Neger, der nichts Böses getan, rettet den Weißen – nicht weil sie verdorben ist, sondern weil sie auf die Phrase von dem besseren Blut, der besseren Rasse, auf die wohltönende Lüge vom "Edelmenschen" und der "Edelnation" hereinfällt. Sartre demonstriert im Negativen, er scheint ein Pessimist. Er ist dies nicht unbedingt; denn er warnt. Und Warner sind nur bedingt Pessimisten.

Von der Aufführung, die Wolfgang Liebeneiner inszenierte, ist vor allem zu sagen, daß Hilde Krahl im einen wie im anderen Stück großartig war. Zwei völlig verschiedene Rollen, und in jeder eine Leistung, die vollkommen war. Trotz der Theatereffekte im zweiten Stück, die Billiges nicht vermieden, spürte man nicht mehr, daß es Theater war. Mehr kann ein Regisseur nicht erreichen, besonders nicht bei einem Stück, dessen Autor zwar ein Dramatiker von Verstand, aber kein Dramatiker von Herz ist. Er schafft keine "blutvollen" Figuren, aber er gibt dem Regisseur Gelegenheit, welche zu schaffen. Nicht nur dank Sartre, sondern auch dank der Krahl und Liebeneiners war’s einer der interessantesten und problematischsten Theaterabende, die man in Norddeutschland sah. Josef Marein