Von Emil Belzner

Das Buch, aus dem wir hier ein Kapitel zum Abdruck bringen, ist 1934 zum ersten Male er erschienen, hat aber damals nicht die Verbreitung gefunden, die es seiner dichterischen Bedeutung nach verdiente. Emil Betzner (geb. 1901) reiht in diesem Roman die Kette der Erinnerungen auf, die in „Kolumbus vor der Landung“ – so lautet der Titel des Werkes – jäh aufblitzen in dem Augenblick zwischen dem Auftauchen des unbekannten Kontinents und dem Befehl, an die Küste heranzurudern. In Sekundenschnelle erstehen da vor dem inneren Auge des Entdeckers die wichtigsten Stationen seines Lebenslaufs. Mit ungewöhnlicher Kraft der Schau und Kunst der Darstellung hat Betzner diese Bilder geformt, von denen wir im folgenden eine Kindheitsszene wiedergeben. – Das Buch wird in Kürze im Lothar Blanvalet Verlag, Berlin, neu herauskommen.

Es war in einer Winternacht. Ein in dem südlichen Land ungewöhnlicher Schneesturm hatte eingesetzt. Das Chausseehaus lag an einer unheimlichen Wegbiegung im Gebirge, auf einem kleinen Plateau, das nach vielen Seiten hin ziemlich steil abfiel und jenseits der Schluchten und kurzgestreckten Täler von schroffen Bergrücken umstellt war. Fast schien es, als hätte der Schneesturm das Haus in die Ecke des kleinen Steinbruchs gezwängt, der sich hinter dem Hof mit seinen verwitterten Zinnen erhob. Während der Knecht Pferde und Wagen unterbrachte, gingen der alte Kolumbus und sein Sohn in der Hauptstube, die ohne Licht war, fröstelnd auf und ab. Die Fenster waren bis zur Hälfte verweht und zugeschneit, aber durch die Lücken in Glast und Eis drang die weiße stürmische Helligkeit der Winternacht herein. Christoph konnte kaum die Blicke von diesem ungewohnten Schauspiel hier oben im Gebirge wenden. Von Eis- und Schneenächten im Norden hatte er wohl schon gehört und wich von weißen Bären, die unterm Polarlicht im recht wie Männer über die Einöde gehen. Aber dieser Schneesturm im Gebirge übertraf doch eigentlich alles, was er sich an kühlen winterlichen Regentagen in der dumpfen Küche der Mutter oder in der Teigstube des Bäckers Augusto, in der er gelegentlich Zucker und Gewürze abwiegen durfte, unter Kälte und Endosigkeit vorgestellt hatte. Und als die Fenster ganz zugefroren und zugeweht waren, schien es ihm als sähe er noch viel weiter und als gerönne das Licht von draußen an natürlicher Stärke und geriete in wellenförmige haushohe Bewegung, als lechze es herein, um ihn auf seinem schimmernden Rücken fortzutragen, hinauf und hinunter und immerfort.

Gerade wollte ihn die Angst packen, suchte er nach der Hand oder dem Gürtel seines Waters, um sich festzuhalten, da kam zum Stück der Wirt die Treppe herunter, hinter im eine Magd mit einem Leuchter. „Die Jungfrau segne euch Kolumbusse“, sagte der Wut, „es ist eine grausige Nacht.“ Die Magd lachte ein Feuer und stellte Töpfe und Pfannen auf. Ob man bald etwas zu essen haben könne, ragte der Vater, und ob es warme Betten gebe und wie die Pferde und der Wagen mit den Karen untergebracht seien. „Gut, gut“, sagte Wamba der Wirt, „im Chausseehaus ist noch ein Vernünftiger erfroren. Wenn ihr freilich Nachtwandler seid wie der Astronom vom origen Jahr, dann will ich euch lieber mit einem dreifachen Strick ans Bett binden und zur Vorsorge außerdem Glasscherben und Nägel vors Bett streuen.“

Was denn das wieder für Possen seien, fragte der Vater, und ob er denn keinen heißen Wein holen wolle. Wamba holte die Weinkanne aus dem Schrank und brachte Gläser. Und während die Magd am Feuer ein Essen wärmte und das Fett sudderte und gluckste, erzählte Wamba von dem ausländischen Astronomen, der im vergangenen Jahr in einer ebensolchen Winternacht angekommen und jämmerlich erfroren sei.

„Über das Allernotwendigste hinaus habe ich ihn kaum verstanden“, sagte Wamba. „Er begab sich, nachdem er ein wenig gegessen und getrunken hatte, gleich auf sein Zimmer. Ich trug ihm den Koffer nach, sah, wie er ihn auspackte. Er rollte eine große Landkarte auf und schlug sie an die Tür; eine zweite Karte, eine Sternkarte, schlug er überm Bett an die Wand. Da ich außerdem sah, wie er einen Zirkel und ein Fernrohr auf den Tisch legte, überkam mich ein etwas unbehagliches Gefühl, und ich sagte ihm gute Nacht. Er hat übrigens keinen Augenblick Notiz von mir oder von sonst jemand im Hause genommen. Auch die Magd hat das gesagt, die ihm noch einige Kerzen brachte, um die er gebeten hatte. Als sie unter der Tür stand, nahm er ihr die Kerzen aus der Hand und fuhr mit seiner Beschäftigung fort, als befände er sich in einer Zauberherberge, in der alles gerade ginge, wie er es brauchte.“

Wamba machte eine kurze Pause. Dann fuhr er etwas leiser fort: „Wahrhaftig, der Sturm läßt nach. So war es damals auch: gegen Mitternacht ließ der Sturm nach und hellte sich der Himmel auf. So viele Sterne habe ich im Vinter nie am Firmament gesehen wie in jener Nacht. Ich wollte aus dem kleinen Fenster in meiner Kammer nachschauen, wieso es mit einemmal so ruhig geworden war, erschrak jedoch über die scharfe, schneidende Pracht der Gestirne so sehr, daß ich die vereiste Scheibe sofort wieder schloß, mich nur halb ausgekleidet ins Bett legte und die Decke verdutzt über den Kopf zog. So konnte ich es vermutlich nicht recht hören, wie der Astronom später sein Zimmer verließ und aufs Dach stieg. Es ist merkwürdig, daß ich es nicht hören konnte; ich habe lange die Ohren gespitzt, wie man das in der Angst ja immer tut, denn so blöd ich bin, so habe ich doch gefühlt, daß noch etwas kommen müsse. Rätselhaft ist mir auch heute noch, wie es dem Gast, der kein besonders starker Mensch zu sein schien, gelang, die schwere, angefrorene Falltür, auf der doch außerdem noch eine tüchtige Schneelast lag, in de Höhe zu drücken. Und genau so rätselhaft ist mir, wieso er die Falltür von oben so lautlos wieder schließen konnte, zumal da doch der eiserne Ring kürzlich abgerissen war und demnächst wieder angebracht werden sollte. Ein Riese hätte sie an der Kante mit den Fingern allein kaum halten können. Ich fand in dieser Nacht keinen rechten Schlaf. Ein Gespenst rumorte in mir, das nirgends heraus konnte. Erfreulicherweise hatte ich einen Rosenkranz in der Tasche, den ich hervorzog und mehrmals unter der Decke durchbetete, um den Angstteufel in meinem Leib klein zu kriegen. Ich muß sehr unruhig geschlafen haben, denn als ich im Morgengrauen erwachte, lag ich quer in Bett, die Beine in den Rosenkranz verstrickt. Notdürftig brachte ich mich in Ordnung, dann ging ich, nach dem Gast zu schauen. Die Magd sagte mir, daß er sich noch nicht gerührt habe. Um so mehr brannte ich nach all der ausgestandenen Furcht darauf, ihn zu sehen oder zu vernehmen. Festen Herzens klopfte ich an die Tür. ‚Herr Passagier‘, rief ich laut, ‚die erste Post wird, da der Schnee bis weit ins Tal hinunter liegt, mindestens drei Stunden Verspätung haben. Wollen Sie dann die erste nehmen oder lieber die zweite am Nachmittag? Herr Passagier‘, rief ich, ‚wenn Sie zum Mittag bleiben, dürfen wir Ihnen dann mit einem kastaniengefüllten Huhn und breiten Nudeln aufwarten? Herr Passagier“, rief ich zum drittenmal, ‚soll man Ihnen die Wäsche ein bißchen am Ofen wärmen, und lieben Sie etwas Essenz im Waschwasser? Haben Sie Wünsche für die Andacht? Wissen Sie, wo’s zum Ausguß geht?‘ Die verworrensten Sachen fragte ich vor der Tür. Fast war es mir, als lache mich die Tür aus ihren Rillen und Masern wie aus menschlichen Runzeln an. Schließlich drückte ich auf die Klinke; die Tür war unverschlossen, das Zimmer leer. Es befand sich alles noch am selben Platz wie am Abend; nur Fernrohr und Zirkel fehlten. Ich betrat das Zimmer nicht, sondern schloß die Tür rasch wieder. Da sah ich Wasserlachen auf der Treppe, die zum Dach führt. Irgendwie war Schnee durch die Ritzen gedrungen und in der Wärme geschmolzen. Aber sofort kam es mir dann: Er ist auf dem Dach. Ich rief die Magd und drückte mit ihr die Falltür hoch: In einem Schneehaufen vor der Brüstung saß der Astronom, erfroren, tot, in der einen Hand das ausgezogene Fernrohr, in der andern den gerichteten Zirkel; von Nase und Mund hingen ihm Eiszapfen herunter, seine Mund hingen verharscht. Ein paar Tage ließen wir ihn auf dem Dache sitzen, dann haben wir ihn einem mit Schnellpost durchreisenden Arzt für die Anatomie verkauft. So ist der Ausländer die seine nachtwandlerische Gottlosigkeit doch noch gevierteilt worden.“