Von Ingrid Therstien

Mit sechsunddreißig abgestoßenen Koffern und Körben stieg in einem drittklassigen Hotel in Bloomsbury, London, ein plumper alter Mann ab. Zwei verschleierte Augen blickten traurig aus einem kahlen bleichen Schädel. „Lassen Sie ihm Ruhe“, sagte seine dunkle Begleiterin den Neugierigen, „Vaslav ist wieder gesund. Aber er hat keine Pläne mehr.“ Und was sollte der einstige „Gott des Tanzes“ auch beginnen? Vaslav Nijinsky war nach dreißig qualvollen Jahren des Wahnsinns ein seelisch und physisch gebrochener Greis. – Das war im vorletzten November.

Heute werden im Whinmead-house von Virginia-Water, einer kleinen Ortschaft im grünen Surrey, sechsunddreißig abgestoßene Koffer und Körbe wieder reisefertig gemacht. Sie sollen nach Amerika. Hier will ihr Mann, so sagt Frau Romola, die Biographin und Gefährtin Vaslav Nijinskys, eine „Weltakademie des Tanzes“ eröffnen. Als europäische Filiale ist Schloß Mittersill, die „Sommerresidenz der Könige“ im Salzburgischen, ausersehen; man versucht gerade, es seinen Schweizer Besitzern abzuhandeln. Die besten Ballettmeister aller Nationen wollen Vaslav beim Lehren des Tanzes helfen.

Es klingt gewagt, was Romola sagt. Es wirkt aufklärend, wenn sie hinzufügt: „Das Geld geben amerikanische Ballettmäzene.“ Amerikanische Ballettmäzene gaben sich schon seit Jahren der gleisnerischen Hoffnung auf ein dollargesegnetes „come-back“ des „Irrsinnigen von St. Moritz“ hin. Ein wiedererwachter Nijinsky verhieß fette Schlagzeilen und ausverkaufte Häuser. Nun, sie scheinen es ihm und Romola plausibel gemacht zu haben. Aber kann ein Mensch nach jahrzehntelangem Dahindämmern wieder aktiv werden? Und kann ein Nijinsky, dessen Glieder die Schwerfälligkeit des Alters in diesem Maße lähmte, noch Tanz lehren oder gar einen zweiten „Gott des Tanzes“ erziehen? Kaum. Vaslav Nijinsky ist ein Greis, auch wenn seine Manager es nicht wahrhaben wollen, auch wenn man vor wenigen Wochen, mit Blumen und Festgepränge, seinen 59. Geburtstag feierte.

Weit liegt die Zeit zurück, in der die Könige von England und Spanien, Kaiser Wilhelm II. und Präsident Wilson ihn empfingen, die Zeit, in der sein Name in Riesenlettern an den Anschlagsäulen prangte und Cocteau, Caruso, Chaplin, Picasso und die Sintenis zu seinen Freunden zählten. Der „kleine Chinamann“, wie Petersburgs Gassenjungen den schlitzäugigen Polenknaben aus Kiew riefen, hatte sich schon als neunjähriger Dhiagilev-Schüler den Beinamen „Das achte Weltwunder“ ertanzt. Nach seinem Debüt in Mozarts „Don Giovanni“ am Mariinsky-Theater in Petersburg drang der Name Nijinsky weit über Rußlands Grenzen hinaus.

Paris: Am 15. April 1909 überschüttete das Publikum des Châtelet-Theaters, das seit den Tagen Théophile Gautiers keine männlichen Tänzer mehr sehen wollte, den neunzehnjährigen „Chinamann“ mit Beifall. Seine nächsten Gastspiele waren für Wochen im voraus ausverkauft. Nach Petersburg zurückgekehrt, wurde Nijinsky aus dem Mariinsky-Ensemble entlassen. Die Großfürstinnen Olga und Tatjana waren über sein unsittliches Kostüm im Ballett „Giselle“ chokiert gewesen. 1911 verließ er Rußland für immer und trat mit einer eigenen Tanzgruppe seinen Siegeszug durch Europa an. Seine Partnerinnen wurden Anna Pawlowa und die Karvasina. In Wien widmete Richard Strauß ihm die Musik zu „Joseph und Potiphar“. D’Annunzio schrieb: „Er ist der einzige Mensch, der ohne Maschine und Flügel fliegt.“ Auch in Amerika blieb der Erfolg ihm treu.

Der erste Weltkrieg überraschte die Nijinskys in Budapest. Sie wurden interniert. (Während seiner Haftzeit erfand Vaslav eine eigene Tanznotenschrift, die noch heute existieren soll.) Als Dhiagilev sich für sie einsetzte, konnten sie mit einem russischen Diplomatenpaß über die Schweiz nach New York reisen, wo der „beste Tänzer aller Zeiten“ mit seinem 120 Mitglieder zählenden Ensemble jubelnd begrüßt wurde. Im Dezember 1917 kehrten Vaslav und Romola unvermittelt nach Europa zurück.