„Johanna auf dem Scheiterhaufen“ in Frankfurt a. M.

Die Frankfurter städtischen Bühnen brachten diese Erstaufführung sozusagen als Messegeschenk heraus und ernteten mit ihr einen geradezu außerordentlichen Erfolg, der den Abend zum Ereignis stempelte.

Arthur Honegger nennt seine „Johanna auf dem Scheiterhaufen“ (über deren Berliner Aufführung die „Zeit“ am 13 Januar 1948 ausführlich berichtete) ein „szenisches Oratorium“. In der Tat wird hier völlig souverän aus einem eigenen Zeitempfinden diese Form zum musikalischen Theater unserer Tage fortentwickelt und gestaltet. Sie empfängt ihre überzeugende Durchschlagskraft von einem klaren philosophischen Urgrund, der sie allem bläßlichen Ästhetizismus enthebt. Es ist der Urgrund einer religiös gläubigen Haltung: der Katholizität des Textdichters Claudel. Claudel und Honegger geben die Vision ihrer Gläubigkeit. Da dieses Werk also einem völlig in sich geschlossenen Weltbild entstammt, gelingt es auch dem Kunstverstand ihrer Schöpfer, das gesprochene Wort, den Gesang und das Orchester völlig klar und überzeugend, wenn auch überraschend und neuartig, einander zuzuordnen. Johanna ist eine Sprechrolle, ebenso Pater Dominik. Chöre tragen und begleiten das Geschehen der Handlung. Die Visionen erscheinen als sprechende und singende Einzelfiguren und tänzerische Bewegungschöre. Wie ausgesprochen bühnengemäß Honegger und Claudel denken, zeigt sich darin, daß sie den Regisseur an keinerlei Regiebemerkungen gebunden haben, sondern die szenische Gestaltung der jeweiligen Vision des Spielleiters und den Möglichkeiten der aufführenden Bühne überlassen. Jede Aufführung dieses Werkes wird also eine völlig originale Neuschöpfung des jeweiligen Theaters darstellen.

Die Frankfurter Aufführung wurde für die Zuhörer in ihrer äußerst plastischen musikalischen Gestaltung durch den Dirigenten Bruno Vondenhoff zum starken Erlebnis. Für die szenische Gestaltung zeichnete als Regisseur Harro Dicks, für das Bühnenbild Dominik Hartmann und für die Bewegungschöre gemeinsam Dicks und Franz Lutz. (Bedeutsam war an der Gesamtinszenierung, daß sie jede romantische Verschwommenheit vermied und ohne Gewaltsamkeiten für das surreale Geschehen einen völlig überzeugenden und einheitlichen Darstellungsstil fand. In ergreifender Verinnerlichung gestaltete Herta Zietemann die Rolle der Johanna, regungslos auf Sprache und Mimik des Gesichts beschrankt. Auf gleicher Höhe stand die Leistung von Otto Rouvels als Pater Dominik wie die Ensembleleistung der Chöre, Bewegungschöre und der zahlreichen Sänger und Darsteller. L. Spohr