Von Jan Molitor

Die „Zeit“ hat es unternommen, das schwierige Problem des deutschen Films zu beleuchten und möglichst zu klären. Es ist in diesem Zusammenhang bereits davon gesprochen worden („Die Zeit“ Nr. 15 vom 14. April), daß die Besatzungsbehörden die neue Filmproduktion nicht nur gefördert, sondern auch gehemmt haben –: dadurch, daß sie viel zu vielen die Lizenz erteilten, und dadurch, daß sie allzulange vornehmlich Zeitfilme („Trümmerfilme“) anregten. Es ist gesagt worden, daß der Film, weil er nicht nur eine Sache der Kunst oder der Unterhaltung, sondern zugleich ein kostspieliges Produkt der Industrie ist, eine gewisse Konzentration der Kräfte verlangt –: sonst reichen die wirtschaftlichen Möglichkeiten schwerlich hin, Werke zu produzieren, die mit denen des Auslandes konkurrieren können. Die heutige Dezentralisation der Produktionsstätten, dazu die schwankende finanzielle Basis, auf der manches Unternehmen füllt, schließlich sogar die Tatsache, daß die Produzenten nur unter Schwierigkeiten einerseits Kontakt mit den Künstlern, andererseits mit dem Publikum finden können – alles dies belastet den Film nicht wenig. Es ist schwer, einen neuen Schauspieler für den Film zu entdecken, schwieriger, ihn durchzusetzen. Trotz allem aber ist unbezweifelbar, daß in Deutschland ein neues Publikum sich zu bilden im Begriff ist, das sich mit hohen Ansprachen für den Film interessiert und bereit ist, einen gehörigen Kredit an Optimismus und Zutrauen zu der Entwicklung der neuen deutschen Produktion beizusteuern.

In gewisser Hinsicht gibt’s eine Parallele der heutigen Filmsituation zur – Inflationszeit ... Dies seufzt nicht irgendwer; dies sagt mit seinem halb höflichen, halb abgründigen Lachen der stets liebenswürdige Herbert Körösi, der – ein Künstler der Kamera – die halbe Welt bereist hat, Afrika, Kleinasien, Südamerika, und dem so unvergeßliche Bildstreifen, wie „Markt am Amazonas“ (Paramount), der abendfüllende Film „Spanien“ (1929) und das an Zelluloid-Metern knappe, an Schönheit reiche Werkchen „Römische Brunnen“ (Körösi-Produktion), gelungen sind. Körösi, ein in Riga geborener Ungar, der von Budapest via Wien und München nach Berlin und neuerdings nach Hamburg kam, ist nicht allein auf künstlerischem Felde das, was man einen „Pionier“ nennt, sondern er ist es auch in filmhistorischem Sinne. (Unbeschadet dessen, daß er beileibe kein älterer Herr, sondern unverwüstlich jung und sehr tätig ist.)

„Wer in der Inflationszeit ein Telephon und eine Bude besaß“, lacht Körösi, „die er als Büro aufmachen konnte, der gründete ein Filmunternehmen und mietete sich ein möglichst großes Auto, das möglichst eine vernickelte Stoßstange hatte, und kaufte sich – auf Abzahlung – einen Flauschmantel und nannte sich Direktor.“ Übrigens, wir hatten gerade davon gesprochen, daß in den Westzonen mehr als siebzig Filmproduktionsfirmen die Lizenz erhielten. Knapp zwanzig dieser neuen Firmen sind bisher zum Zuge gekommen, und sei es nur mit einem Kurzfilm. Und dazu lächelt Körösi: „Das ist genau wie nach der Inflation ... Diesmal kam die Geldreform, und Firmen, die zuviel sind, wackeln, fallen um, verschwinden...“

Als der Film noch ein ,,Küken“ war

Der Sachverhalt ist folgender: Während am Horizont der riesige Schatten der Auslandskonkurrenz drohte (der immer noch droht), traten die Produzenten das Wettrennen mit der bevorstehenden Geldreform an. Daß viele von ihnen ängstlich besorgt um die Qualität eines Filmstoffes waren, kann man nicht gerade behaupten; einige waren nicht einmal ängstlich in der Wahl ihrer Filmdarsteller. Kam ja gar nicht darauf an! War nicht das Publikum „filmhungrig“? Drehbücher wurden geschrieben, denen man schon beim flüchtigen Durchblättern ansah, was sie bedeuteten –: „eilige Mache“. Sie wurden nicht nur geschrieben, sondern verfilmt; eilig, eilig. Wer schließlich mit „schlechtem Geld“ einen Film vollendet hatte, der ihm nach der Geldreform „gutes Geld“ einbringen würde; der hatte das Rennen gewonnen. (Es ehrt Käutner, daß seine vor der Währungsreform gedrehten Filme, ja schon sein erster, gemeinsam mit Ernst Schnabel erdachter Film „In jenen Tagen“ künstlerisches Niveau bewahrte!)

Niemals hat eine deutsche Produktion eine schlechtere Kritik erhalten, als sie jetzt den neuen Filmen zuteil wurde. Wo der Fehler lag, stellte sich schließlich klar heraus: man hatte das Publikum unterschätzt. Es war falsch gewesen, daß die Produzenten die Dinge so leicht genommen hatten wie damals ihre Vorgänger während der Inflation, ganz falsch.