Waren Sie auch in der Partei, daß Sie schippen müssen?“ fragte ein mitleidiger Passant den Mann im staubbedeckten Overall, der auf der Düsseldorfer Königsallee eine Lore mit Trümmerschutt belud. Nein, der Arbeitende war nicht in der Partei gewesen – er war der Oberbürgermeister der Stadt, der seinen Mitbürgern mit gutem Beispiel vorangehen, wollte. Das war 1946. Inzwischen ist Karl Arnold lange schon Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. Und wenn er auch nicht erneut das Opfer einer so grotesken Verwechslung geworden ist – Irrtümer kommen noch heute vor. Denn im Lande an Rhein und Ruhr verdichten sich viele deutsche Lebensfragen im Zeichen von Demontage, Grenzberichtigungen, Besatzungskosten und internationaler Ruhrbehörde. So kommt es denn vor, daß jede Stellungnahme des jährigen Länderchefs im Scheinwerferlicht alliierter und deutscher Kritik steht. „Nationalist“ und „Quisling“, so tönt es je nach Bedarf, dann und wann sogar beides zusammen. Doch das eine ist so falsch wie das andere: Der vorläufige deutsche Sprecher für die Ruhr ist ein Deutscher und ein Europäer. Seine Rede auf der Europatagung in Brüssel verdiente gewiß nicht weniger Aufmerksamkeit als seine konkreten Gegenvorschläge zu den geplanten Annexionen im Westen, auf Grund derer Belgiei auf seine Ansprüche vorläufig verzichtet hat. Es scheint, als könnte Karl Arnold in manchen Dingen erfolgreich federführend für Deutschland agieren.

Das asketische Gesicht und das gelassen-sichere Auftreten lassen im ersten Augenblick eher an des Nachkommen einer alten Diplomatenfamilie als an den Sohn württembergischer Kleinbauern und Handwerker denken. Wie der erste Präsident der Weimarer Republik, Friedrich Ebert, begann auch Arnold als Lederarbeiter. Erst durch die Vermittlung seines Förderers Matthias Erzberger. konnte er die Soziale Hochschule in München besuchen. Als Vorstandsmitglied der Katholischen Aktion, Leiter der christlichen Gewerkschaften und Mitglied der Zentrumsfraktion in Düsseldorf erlebte der junge demokratische Politiker das Jahr 1933. Noch jahrelang stand er in Verbindung mit dem Exkanzler Brüning. Doch die Gestapo hatte weder ihn noch seinen Kommentar zur „Machtergreifung“ vergessen: „Eine entscheidende Schlacht ist verloren, eine furchtbare Epoche hat begonnen.“ Nach dem 20. Juli 1944 wurde Arnold verhaftet. Drei Jahre später war er Ministerpräsident seiner Wahlheimat am Rhein.

Seitdem ist viel Wasser den mächtigen Strom hinuntergeflossen. Seitdem haben seine Frau und die drei Kinder in dem schlichten Haus in der zerbombten Merkurstraße in Düsseldorf es gelernt, mit den Mahlzeiten nicht mehr auf den Hausherrn zu warten; er arbeitet bis in die Nacht hinein. Und seitdem schließlich ist wieder und wieder berichtet worden, daß die „politischen Tage des christlichen Gewerkschaftlers“ nun endgültig gezählt seien. Es ist ein offenes Geheimnis, daß der kluge Vertreter des linken Flügels der Union, dessen Regierung die einzige CDU–SPD-Koalition in der britischen Zone darstellt, außerhalb seiner Landesgrenzen dem nur schlecht verhehlten Mißtrauen vieler Parteifreunde begegnet. Ja, manchen Strauß – erzählt man sich – mußte Arnold sogar mit seinem Parteichef ausfechten; das lezte Mal anläßlich der Annäherung Spieckers an (einen ehemaligen Zentrumskollegen. Das alles aber, hat bisher die Stellung des Mannes, der so sah im Verhandeln und so hart im Nehmen seit kann, nicht erschüttert, und wenn nicht vieles täuscht, wird die tiefe, scharf akzentuierte Stimme auch in der Zukunft noch manches gewichtige Wert in der deutschen Politik mitzureden haben, Das aber wäre nur gut so. C. J.