Von unserem Londoner Korrespondenten

E. G. London, Mitte April

Fliegende Boten haben den Ministerpräsidenten der britischen Dominien die Anregung – nicht etwa die Einladung oder gar Aufforderung – zu einer neuen Commonwealth-Konferenz überbracht, die beschleunigt abzuhalten wäre. Wenn der London ein Minister, drei Staatssekretäre und der Sekretär des Kabinetts Tausende von Kilometern nach Osten, Süden und Westen fliegen, um die Neigung zu einer derartigen Zusammenkunft zu ergründen und die Tagesordnung persönlich mit den Ministerpräsidenten zu erörtern, so drückt diese Botenschar den Respekt für den heutigen Grad von Selbständigkeit der Dominien aus. Als Ergebnis wurde die Zusage heimgebracht, daß die Ministerpräsidenten von Indien, Pakistan, Ceylon, Australien, Neuseeland und Südafrika sowie der Außenminister Kanadas bereit sind, sich am 21. April zu Besprechungen über Commonwealth-Angelegenheiten mit dem britischen Ministerpräsidenten in London zu treffen.

Was trieb die Boten zur Eile, was ließ die Empire-Politiker auf den Plan verzichten, im Frühjahr oder Sommer gemächlich in Colombo, im jüngsten Dominion Ceylon, zusammenzukommen? Nun, das Feuer unter dem Kessel der Europa-Politik knistert zu laut, als daß man die Zeit für das Zeremoniell asiatischer Höflichkeiten finden könnte. Lieber trifft man sich am Londoner Kamin für eine kurze Woche geschäftiger Besprechungen, mit einem Frühstück beim noch sehr ruhebedürftigen König als Auftakt, jedoch ohne zeitraubende Geselligkeit im Frack.

Von den teilnehmenden acht Ländern haben zwei, England und Kanada, soeben ihre Stellungen im Verteidigungssystem des Atlantikpaktes bezogen. Wird man auf der Konferenz weitere. Stellungen besetzen wollen? Übereifrige Prophet ten eines pazifischen Gegenstücks zum Atlantikpakt sind durch die letzten Bewegungen der amerikanischen Flotte und Luftwaffe Sehr ernüchtert worden. Als ein Vertreter des USA-Kriegsministeriums kürzlich bei seinem Besuch in Tokio die Katze aus dem Sack ließ, daß Japan nicht ernsthaft verteidigt werden würde, tadelte man ihn zwar als vorlaut, konnte jedoch kein erfolgreiches Dementi hervorzaubern. Schon seit Wochen kündigte sich zu deutlich an, was jetzt durch die Räumung verschiedener, pazifische? Inseln, durch die Verminderung der Streitkräfte auf den verbleibenden USA-Stützpunkten und durch die Verlagerung des Flottenschwergewichts der USA vom warmen, ruhigen Pazifik in den „harten, grausamen Atlantik“ Tatsache geworden ist.

Die strategische Entscheidung, Washingtons zugunsten der Sicherung des Atlantiks ist gefallen. Was bedeutet das für das Commonwealth? Ausgangspunkt ist die Lehre des zweiten Weltkrieges, daß mit der Verminderung der Flottenbedeutung die Verteidigungsvorbereitungen im Empire größere regionale Selbständigkeit erfordern. Australien und Neuseeland bilden eine naturgegebene pazifische Region, durch viel Wasser und durch erheblichen Wohlstand doppelt gegen bolschewistische Angriffslust gesichert. Südafrikas Gefahr liegt viel eher in seiner eigenen Rassenpolitik als in der kühnsten Moskauer Strategie. Was aber wird mit Ceylon, Pakistan und vor allem Indien geschehen? Ceylon ist eine relativ glückliche Insel, Pakistan könnte von einer Führerschaft unter den Moslems träumen, die eher eine Rivalität zu Moskau als eine Zusammenarbeit erwarten läßt. Aber mag auch die kritische Nordwestgrenze zur Sowjetunion von Pakistan patroulliert werden, das Kernproblem ist in Delhi zu lösen.

Der Geist Mahatma Gandhis ist in der Art und Weise gegenwärtig, in der man in Delhi der Verteidigung gegen den Bolschewismus zu Leibe rückt. Politische, nicht militärische Verteidigung – das ist die Richtschnur. Pandit Nehru hat schärfste Worte gegen die gewalttätige Politik der recht kleinen kommunistischen Gruppe in Indien gefunden, deren erste Streikwelle schnell in sich zusammenbrach. Mit Erstaunen, ja, mit Bewunderung sehen britische Politiker die Widerstandskraft, die Indien an den Tag legt, die staatsmännische Qualität, die Nehru entfaltet. Viel vertrauensvoller als noch vor Jahresfrist sieht man erfolgreichen Widerstand gegen den Kommunismus durch die neue asiatische Großmacht Indien entgegen, zumal auch die Konflikte mit Pakistan, vor allem über Kaschmir, sich unblutig zu lösen versprechen.