Der Zug aus Skopje ist oft mit vierstündiger Verspätung im Belgrader Hauptbahnhof ein. Dieser kleine unscheinbare Bahnhof ist eigentlich kein Repräsentant des volksdemokratischen Jugoslawiens, weshalb, sich auch die neuen Machthaber entschlossen, einen gewaltigeren nach Zemun zu verlegen. Die blau Uniformierten der „Narodnä-Miliz“ (Volkspolizei) huschen von Bahnsteig zu Bahnsteig, stöbern in den Körben schimpfender Bauernfrauen herum und sind darauf bedacht, mit erheblichem Stimmaufwand den schwarzen Markt, dessen Hauptfaktor eben die auswärtige Landbevölkerung ausmacht, zu unterbinden. Das gelingt nicht recht. Denn Belgrad, die Hauptstadt eines ehemals reichen Agrarlandes, kann von seinen Lebensmittelkarten allein nicht leben und muß sich schwarz über Wasser halten. Darüber täuschen auch die auffälligen Wandsprüche und Parolen nicht hinweg, die vom „Arbeitsheroismus“ und von der „Genialität“ Titos“ sprechen. Die Bewohner Belgrads schenken dieser Propaganda wenig Aufmerksamkeit und noch weniger Glauben. Man neigt vielmehr zu der Ansicht, daß nicht der Heroismus der Arbeit und der Werktätigen das Rückgrat des Tito-Regimes sind, sondern das Offizierkorps. Selbst die Partei scheint in den Hintergrund getreten zu sein. Zumindest findet man auf den Straßen von Titos „preußifizierter“ Hauptstadt mehr elegante graugrüne Offiziersuniformen als das schlichte Zivil, an dessen linkem Jackenaufschlag nur hie und da der in gold eingerahmte rote Sowjet-Stern als Abzeichen der KPJ (Kommunistische Partei Jugoslawiens) leuchtet. Der kleine Soldat allerdings merkt von den Segnungen eines Volksheeres recht wenig; ihm werden nach wie vor die Haare abgeschoren, seine zerrissenen Hosen flickt kein Militärschneider, und bei 100 Dinar Wehrsold (das sind etwa 8,– DM) monatlich, sind ihm die Annehmlichkeiten des Lebens nicht vergönnt. Er ist nur das weniger beachtete Rohmaterial einer etwa 700 000 Mann starken Armee, die die 15 Millionen Steuerzahler Jugoslawiens erheblich belastet. Neuerdings werden die Soldaten auch zu Bauarbeiten und ähnlichem herangezogen.

Belgrad ist keine Ruinenstadt im eigentlichen Sinne. Man hat die Schäden repariert, hat mit und ohne Druck gebaut und – hat es geschafft. Das alte Belgrad steht fast wieder vollständig; die vielen hellroten? Ziegelflecke sind Neubauten, Anbauten, Versuche, Belgrad repräsentativ zu gestalten. Der Belgrader achtet auf sie weniger, sein Interesse gilt den eigenen täglichen Sorgen, den Schwarzmarktpreisen und der Jagd nach Zigaretten, denn mit den Rationen kommt in diesem Rauchwand keiner aus. Pfeifenrauchen ist das Privileg der alten Zigeunerweiber, die sich malerisch auf ihren mitgebrachten Matratzen vor dem Bahnhofsgebäude lagern und inmitten des Großstadtverkehrs ungeduldig und keifend auf die sich in der Regel verspätenden Züge warten. Das Bettlerwesen ist offiziell abgeschafft, aber oft noch streckt sich eine Hand bittend um einen Dinar oder eine Zigarettenkippe aus. Selbst alte Partisanen, die das Ehrenabzeichen des Aufstandes vom Jahre 1941 tragen und die den Anschluß an Titos neues Jugoslawien nicht finden konnten, sind unter den Bettlern. Sie haben ausgedient und sind niemandem mehr nützlich. Eine Zwiebel und maisdurchsetztes Brot sind ihre Nahrung.

Auf der Terasia, die nach wie vor den Mittelpunkt Belgrads bildet, eilen die Hausfrauen am Vormittag von Geschäft zu Geschäft, um etwas Billiges einzukaufen. An Stelle der Straßenbahn wurde in Gemeinschaftsarbeit eine Trollibuslinie errichtet, die bei Nichtüberfüllung angenehme Fahrten bietet. Man legt Wert auf Tempo, in allen Dingen: in der Politik, beim Bauen, in den Geschäften. Langes Aussuchen ist verpönt, wozu auch? Da Textilien nur distriktweise geliefert werden, ist heute in Belgrad das gelbe Hand modern, morgen das rote in Zagreb und übermorgen das blaue in Nisch. Nach Wochen geht es umgekehrt. Anzüge sind teuer. Auf Punkte kosten sie 1700 bis 3000 Dinar, im freien Verkauf 6000 bis 10 000. Bei Schuhen das gleiche: 500 bis 800 Dinar mit Punkten, ein punktfreier Bergschuh 2000 bis 4000. Das Kaufen wird leicht gemacht. Die „Zadruga“, die Genossenschaft, hat die Verkaufsläden aufgemacht und hier findet man das Notwendigste – oder auch nicht.

Die Zeitungsstände vor den Hotels „Moskau“ und „Balkan“ haben in den Vormittagsstunden ihr Hauptgeschäft. Die vielen Ausländer, hauptsächlich Deutsche und Tschechen, die eine zwei- bis fünfjährige Arbeitsverpflichtung in Jugoslawien abgeschlossen haben, aber auch die Belgrader hungern nach ausländischen Zeitungen, hauptsächlich englischen und amerikanischen, von denen nur manchmal der kommunistische Londoner Daily-worker zu haben ist. Findige Zeitungsverkäufer verkauften zur Zeit der „Kominform“, als Belgrad dort die erste Geige spielte, die englisch, französisch und deutsch übersetzten Informationsblätter der „Kominform“ als Original-amerikanische Zeitungen zu Schwarzmarktpreisen und machten blendende Geschäfte. Auch der vielsprachigen „Neuen Zeit“ vom Trud-Verlag, Moskau, passierte das Mißgeschick, als amerikanische Zeitung Riesenabsatz zu finden. Der Leser war über die kommunistische Tendenz Amerikas erstaunt, bis er den Schwindel merkte. Ansonsten gibt es in Belgrad drei Informationsblätter: die „Politika“ (Politik), die „Borba“ (der Kampf), die „Republika“ (Republik) – alles kommunistische Parteiblätter. Provinzzeitungen gibt es nicht.

Belgrads repräsentativster Bau, das Hochhaus auf der Terasia, beherbergt eine staatliche jugoslawische Buchhandlung, in der die Bücher von Maxim Gorkij, Tolstoij und zeitgenössischer Russen den breitesten Raum einnehmen; der Däne Jacobsen ist sehr gefragt, Upton Sinclair nur nach Bestellung zu erhalten. Antiquarische deutsche Klassiker zieren, wahrscheinlich als faschistisch anrüchig, nur die hinteren Regale des Ladens. Zeitschriften befassen sich nur mit Mode, obwohl diese eine Angelegenheit der oberen Schicht ist, vor allem der hohen Tito-Beamtenschaft, und mit Sportnachrichten: gerade sie erfreuen sich größter Beliebtheit, Jugoslawien ist fußballfanatisiert und in dem für Belgrad viel zu kleinen Stadion treffen sich sonnabends und sonntags 25 000 bis 30 000 Zuschauer.

Nicht unweit des Hochhauses befinden sich die amerikanischen, englischen, französischen und polnischen Konsulate und Ausstellungsräume. Erstere sind ein Magnet für die Belgrader. Dort werden die Bilder amerikanischer Flugzeuge und technischer Errungenschaften diskutiert; man scheut keineswegs drastische Vergleiche zum eigenen Lande zu ziehen. Der Belgrader verfügt über viel Zivilcourage: trotz Volksmiliz und „Osna“ (Geheime Volkspolizei) fällt manche Bemerkung, die Herrn Tito an seiner Volksbeliebtheit zweifeln lassen können.

Inzwischen versucht Tito, das Land zu industrialisieren. Die Maschine wird zum Gott erhoben, die Ingenieure und Facharbeiter sind Majestäten, aber die Fabriken laufen meistens nicht; entweder sind die Maschinen noch nicht geliefert oder es fehlt immer irgendeine Sache, ohne die der Betrieb nicht aufgenommmen werden kann. Da das Land selbst kaum Maschinen herstellt, geht die Industrialisierung auf Kosten der Bevölkerung, deren Lebensmittel zum Zweck des Tausches exportiert werden. Die Exportpreise der Naturalien stehen aber in keinem Verhältnis zum Inlandpreis. Ein El kostet im Lande 12 bis 14 Dinar, als Exportware 1 bis 3 Dinar. Ein Liter Wein im Verhältnis 80 bis 120 Dinar zu 15 bis 30 Dinar. Kein Wunder, daß die Bauern ein weigern, ihr Ablieferungssoll zu leisten.