Von Hildegard Schlüter

Die Mütter exerzierten früher immer: Mit dem Hute in der Hand, kommt man durch das ganze Land. So lernten die Kinder, was Höflichkeit ist. Später wurde die Sache diffiziler. Da mochte man so manchem Mitbürger den Hut fest über den Kopf ziehen und seufzen: „Mensch, sprich doch endlich mal ein echtes Wort“. Es ist nämlich mit der Höflichkeit so, wie mit den Rosen. Diese sind zwar immer schön, aber erst richtige Rosen, wenn sie duften. Der Duft der Höflichkeit ist, daß sie von Herzen kommt.

Eine harte Nuß für alle, die mit dem ungezähmten Tier „Publikum“ umzugehen haben, für die Leute hinter den Schranken, den Schaltern, den Barrieren. Besonders für die Beamten, die uns der Staat vor die Nase setzt, damit sie unseren Freiheitsdrang zähmen. Können sie Tag für Tag und für jeden von uns „von Herzen“ höflich sein? Unmöglich können sie’s! Darum dürfen wir auch dem Referenten auf unserem Wohnungsamt nicht böse sein, der neulich aus der Haut fuhr, als wir ihn zum siebenten Male in einem Monat heimsuchten. Kann denn der Mann den fehlenden Wohnraum schaffen?

Das Publikum mag anderer Ansicht sein. Denn bei einer Umfrage des in letzter Zeit oft zitierten Bielefelder Instituts für Marktforschung und Marktbeobachtung nach der Höflichkeit unserer Beamten’, waren es gerade die Wohnungsämter, die in Trizonien am schlechtesten -abschnitten: von hundert Befragten sprachen ihnen nur 2,5 v. H. Höflichkeit zu, während 24 v. H. ihre Beamten für unhöflich erklärten. Ein Umstand, der gewiß mit dem Begriff „Mangelware“ zusammenhängt, denn die Ernährungsämter schnitten nicht viel besser ab (6,15 v. H. höflich – 13,30 v. H. unhöflich). Der geübte Tabellenleser hat bald erkannt, daß das verehrte Publikum immer Unhöflichkeit wittert, wenn es gegen die Mauern der Verordnungen anrennt, die ihm nach seiner Meinung den Weg zu wohlverdienten Rechten versperren. Das muß zur Ehrenrettung aller Beamten gesagt werden, die dazu „verdammt“ sind, in Wohlfahrtsämtern, Gewerbeämtern, beim Zoll oder beim Arbeitsamt zu arbeiten. All diese Ämter hat nämlich der größte Teil der Befragten als unhöflich gebrandmarkt. Es wäre doch kurios, wenn gerade dort, wo man etwas für sich erreichen will, die unhöflichsten Beamten säßen!

Wo des Pudels Kern liegt, wird klar, wenn wir hören, daß die Beamten der Eisenbahn bei der Umfrage am besten abgeschnitten haben, daß die der Post an zweiter und die der Straßenbahnen an dritter Stelle stehen. Wo wir bezahlen dürfen für etwas, was wir nach eigenem Ermessen verlangen, haben wir das Gefühl, höflich behandelt zu werden, oder sollten tatsächlich all die Institutionen, die an uns verdienen müssen, höfliche Beamte haben? Kaum. Denn Beamte sind ja auch nur Menschen, haben gelegentlich auch schlechte Laune, die sich auf dem Wohnungsamt nicht anders ‚äußert als bei der Post. Ausgenommen die Briefträger. Oder hat jemand schon einmal einen brummigen Postillon d’amour gekannt oder einen, der die Steuermahnung ohne freundliches Lächeln durch den Türschlitz schob?

Ein Lob sei den Hamburgern gespendet, denn sie haben mit ihren Antworten eine Bresche in das Dickicht der Meinungen geschlagen. Hoch lebe hier die Polizei: 16 v. H. der Befragten nannten sie höflich und nur 6,4 v. H. unhöflich. Auch die Hamburger Gerichte können sich freuen – vorausgesetzt, daß sie auf Statistiken etwas geben. Denn sie allein wurden von niemandem als unhöflich empfunden (allerdings hielten sie auch nur 2,7 v. H. für höflich). Fraglich ist nur, ob das Ergebnis das gleiche bleiben würde, wenn man diejenigen hinter den schwedischen Gardinen auch zu Worte kommen ließe...

Würde nun der Spieß einmal umgedreht und den Beamten erlaubt, sich über die Höflichkeit des Publikums zu äußern (welch verwerfliches Verlangen), so müßte sich sicher ein Teil davon ins Mauseloch verkriechen, weil ihm die Beamten beweisen könnten, daß in vielen Fällen offenbar keine Mutter Zeit hatte zu lehren: Mit dem Hute in der Hand...