Unter dem Titel „Polen, Deutschland und der europäische Friede“ hat die polnische Botschaft in London eine Reihe von amtlichen Dokumenten veröffentlicht, die geeignet sind, ein bezeichnendes Licht auf viele Ereignisse und Geschehnisse der letzten Jahre zu werfen, deren Auswirkungen sich in schicksalsschwerer Weise nicht nur für Deutschland, sondern für ganz Europa und damit für die Welt bemerkbar machten.-

Es sind im Grunde nur zwei Themen, auf die alle Dokumente des Weißbuches ausgerichtet sind: Die Frage der polnischen Westgrenze oder der sogenannten „wiedererrungenen Westgebiete“ und die polnischen Forderungen auf Wiedergutmachung und auf Beteiligung an der Gestaltung des deutschen Schicksals. Es liegt auf der Hand, daß die polnische Aktenpublikation hierbei bestrebt ist, die Oder-Neiße-Linie als „Grenze des Friedens“ und als unabänderliche und international anerkannte Tatsache erscheinen zu lassen. Zu diesem Zwecke werden nicht nur die verschiedenen Erklärungen Stalins, Molotows und auch der sowjet-polnischen Regierung selbst wiedergegeben, sondern gleichzeitig auch gewisse Aktenstücke veröffentlicht, die Auszüge enthalten aus Verhandlungen der amerikanischen und englischen Kabinette mit der polnischen Exilregierung während des Krieges.

Eine besonders bedeutsame Stellung nimmt hierbei der – ebenfalls im Wortlaut abgedruckte – „Cadogan-Brief“ ein. In diesem Brief stellt der frühere Unterstaatssekretär der britischen Regierung, Sir Alexander Cadogan, fest, daß seine Regierung sich mit einer Vorverlegung der polnischen Grenze bis zur Oder – einschließlich des Stettiner Hafens – einverstanden erkläre. Es wird allerdings gerade aus der Veröffentlichung dieses Briefes deutlich, daß weder von der Neiße die Rede war noch von der Stadt Stettin selbst, die auf dem linken Oderufer liegt. Insofern ist er nun besonders interessant, aus weiteren in diesem polnischen Weißbuch veröffentlichten Dokumenten entnehmen zu können, daß sowohl der britische Außenminister als auch der damalige Premierminister der polnischen Exilregierung in London – also beide Verhandlungspartner – diesen Brief übereinstimmend nur als Teilstück von Verhandlungen betrachteten, die dann inzwischen durch die weitere politische Entwicklung überholt wurden. Der Cadogan-Brief ist also als Beweismittel für eine angeblich englische Zustimmung zur Oder-Neiße-Linie sowohl aus inhaltlichen wie auch aus politischen Gründen nicht verwendbar, und daß gerade dies aus dem polnischen Weißbuch hervorgeht, ist immerhin wichtig. Das gleiche gilt von den amerikanischen Erklärungen, die übrigens viel zurückhaltender sind, als man vermuten konnte. Eine Tatsache, auf die der frühere amerikanische Außenminister Byrnes ja bereits in seiner Stuttgarter Rede hingewiesen hat, als er betonte, daß keinerlei amerikanische Verpflichtung zur Anerkennung oder Unterstützung der Oder-Neiße-Linie bestände.

Auch in anderer Hinsicht ist das Weißbuch sehr aufschlußreich: Wie der frühere amerikanische Außenminister Marshall auf der Moskauer Außenministerkonferenz erklärte, hatten die USA sich auch in Potsdam gegen die Unterstellung gewisser östlich der Oder-Neiße-Linie gelegener Gebiete unter polnischer Verwaltung gewandt. Darauf war von sowjetischer Seite erwidert worden, daß die deutsche Bevölkerung fast geschlossen das Land verlassen habe und geflohen sei, so daß gar nichts anderes übrig bleibe, als die Verwaltung den Polen zu übergeben. Aus einem Aktenstück, das zusammen mit einem Memorandum am 2. Februar 1947 auf der Konferenz der stellvertretenden Außenminister in London von polnischer Seite übergeben wurde, geht nun aber hervor, daß noch fast ein Jahr nach der Potsdamer Konferenz, nämlich an 1. Februar 1946, nach amtlichen polnischen Statistiken 2,1 Millionen Deutsche dort ansässig waren. Polnischerseits sucht man nun den Widerspruch zu den sowjetischen Erklärungen in Potsdam dadurch zu beseitigen, daß man behauptet, ein beträchtlicher Prozentsatz sei im Laufe des Jahres 1945 von Deutschland aus in diese Gebiete wieder zurückgewandert – eine völlig unzutreffende Angäbe.

Einen großen Teil des Weißbuches nehmen die zahlreichen Noten ein, in denen von sowjetpolnischer Seite gegen das angebliche „Wiederaufleben revisionistischer Propaganda“ in den Westzonen Deutschlands protestiert wird. Was die Frage der polnischen Forderungen an Reparationen und Restitutionen anbetrifft, so ist insbesondere das bereits erwähnte Memorandum vom 2. Februar 1947 sehr aufschlußreich; hierin wird von polnischer Seite alles gefordert, was nur irgend gefordert werden konnte und im übrigen immer wieder festgestellt, daß man sich noch weitere Forderungen vorbehalte. Hier seien nur zwei Punkte ihres besonderen Interesses wegen angeführt: In Punkt 16 wird verlangt, daß „alles während des Krieges aus Polen und aus den in Übereinstimmung mit den Potsdamer Beschlüssen an Polen angegliederten Gebieten weggebrachte Eigentum an Polen zurückgegeben werden“ solle; wobei sich sofort die Frage erhebt, ob Polen etwa die Absicht hat, das von den Flüchtlingen aus Ostpreußen, Pommern und Schlesien vor dem 1. Mai 1945 nach Westen gerettete Hab und Gut als „Restitution“ zu beanspruchen. Die Forderung, daß bestimmte Kommissionen zur Ermittlung von Restitutionsgütern errichtet werden sollen, ist natürlich ebenfalls in dem Memorandum enthalten. Punkt 18 enthält die Forderung, daß Deutschland alle Archive, Gerichtsdokumente und technischen Materialien, einschließlich Landkarten, Plänen, Instrumenten und sonstiger Ausstattung, soweit sie die angegliederten (!) Gebiete betreffen, an Polen aushändigen solle. Es besteht wohl kein Zweifel, daß diese Forderung darauf abzielt, jeden dokumentarischen Nachweis über den deutschen Charakter unserer Ostprovinzen, die seit mehr als einem halben Jahrtausend deutsch besiedelt sind, unmöglich zu machen oder mindestens zu erschweren.

In vieler Hinsicht also bringt das polnische Weißbuch der Weltöffentlichkeit und damit auch dem deutschen Volke wesentliche Aufklärung. Immer wieder aber drängt sich bei der Lektüre dieser Dokumentensammlung der Gedanke auf: wie schicksalsschwer die Frage der deutsch-polnischen Beziehungen durch beiderseitige Schuld belastet ist. G. A.