Die Nürnberger Prozesse sind zu Ende. Zum zwölften und letzten Male hat in der „Stadt der Parteitage“ ein amerikanisches Tribunal sein Urteil gesprochen. Amtlich hieß dieses Verfahren: USA gegen Weizsäcker und andere. Bekannter war es unter dem Namen: Omnibusprozeß. Die Anklage nutzte die letzte ihr von Washington gebotene Chance, um noch möglichst viele Fälle zur Verhandlung zu bringen, und so sah es denn recht buntscheckig aus auf der Anklagebank: Nebeneinander ehemalige Diplomaten, Minister, Wirtschaftler, Parteigrößen, SS-Führer, insgesamt einundzwanzig an der Zahl. Die drei Richter hatten sich durch 28 000 Seiten Protokoll, 38 000 Seiten Dokumente und 11 000 Seiten Schriftsätze hindurchzuarbeiten, ehe sie das Urteil fällen konnten. Wie in den anderen Prozessen hatte auch hier die Anklagebehörde Stil und Tempo des Verfahrens bestimmt. Sie führte anderthalb Jahre lang einen Material- und Zermürbungskrieg gegen Angeklagte und Verteidiger, letzten Endes auch gegen die Richter. Die Papierberge, die sie auftürmte, haben den Blick auf die persönliche Schuld lebendiger Menschen versperrt. Ein menschliches Gesamtbild läßt sich niemals stückweise aus Dokumenten und Affidavits zusammensetzen. So bleibt zu fragen, wer in diesem zwölften und den anderen elf Prozessen gesiegt hat: Akten oder Menschen, Stoff oder Geist.

Hier soll keine Kritik an dem ersten Nürnberger Prozeß vor dem Internationalen Militärtribunal geübt werden. Ihn hat man in Deutschland im wesentlichen verstanden und gewürdigt. Damals wurde der Versuch gemacht, zu neuen Begriffen eines internationalen Rechts vorzustoßen; angesichts des ungeheuren Unrechts, das der Nazistaat begangen hatte, ein durchaus verständlicher Versuch. Die Auswahl der Angeklagten, die Tatsache, daß einige von ihnen wie auch mehrere der beschuldigten Organisationen freigesprochen wurden, wirkte überzeugend. Vor allem schien es, als wäre die unselige These von der deutschen Kollektivschuld nun endgültig widerlegt. Aber was dann folgte, in den weiteren zwölf USA-Prozessen, hat von dieser guten Wirkung wenig übriggelassen. Jeder vernünftige Mensch in Deutschland weiß, daß Göring, Kaltenbrunner. Frank, Streicher, Ribbentrop und andere Führer des Nazistaates wirkliche Verbrechen begangen haben. Aber nur wenige Menschen bei uns sind davon überzeugt, daß Krupp, Leeb oder gar Weizsäcker, ins Gefängnis gehören.

Das Bedenklichste an diesen amerikanischen Prozessen war die unzulässige Vermischung von moralischer und krimineller Schuld. Es gibt viele Menschen, die in den zwölf Jahren des Naziregimes versagt haben, durch Lässigkeit, durch Feigheitdurch zuviel Gehorsam. Es gibt nur wenige, die höchsten Ansprüchen genügten und die vor ihrem eigenen Gewissen die Frage nach dem mea culpa verneinen können. Auch der totalitäre Staat kennt nur eine kleine Zahl wirklicher Verbrecher und wirklicher Helden. Er kennt, am höchsten Maßstab des Helden gemessen, viele moralisch Schuldige. Aber wer darf so messen, und wer darf sagen: „Du warst kein Held, also bist du ein Verbrecher.“ Ein irdisches Gericht ist hierzu nicht befugt. Ein irdisches Gericht darf Kriegsverbrechen ahnden, aber dabei muß es sich in jedem einzelnen Fall um klar umrissene kriminelle Tatbestände handeln, nicht aber um Inventuren menschlicher Schwäche. Zuviel Anklage bewirkt zuviel Verteidigung. Bei zuviel Anklage wird der allenfalls moralisch Schuldige zum Verbrecher gestempelt. Bei zuviel Verteidigung wird dann mit der kriminellen Schuld auch die moralische abgestritten. Die Nürnberger Prozesse und übrigens auch die Entnazifizierung haben bei uns zu einer fast allgemeinen Flucht in die völlige Unschuld geführt, sogar in die Kollektivunschuld. Ein schlechteres pädagogisches Ergebnis ist kaum denkbar.

Wer nie unter einem totalitären Staat gelebt hat, sieht sich mit Vorliebe in der Eventualrolle des Helden. Wer frühzeitig aus einem totalitären Staat emigrierte, ist versucht, alle zu verdammen, die zurückblieben und nicht zu Helden wurden. In beiden Fällen, verzerren sich die Bilder. Bei der amerikanischen Anklagebehörde, die der ruhende Pol und der bestimmende Faktor der Nürnberger Prozesse war, haben deutsche Emigranten eine ungewöhnlich große Rolle gespielt. Man darf ihnen ihr Ressentiment nicht verübeln, wohl aber die Tatsache, daß sie sich berufen fühlten, als amerikanische Ankläger zurückzukehren. Im Prozeßverfahren der USA ist die Anklage, weit stärker als bei uns, kämpfende Partei; um so mehr ist sie zu einem fairen Kampf verpflichtet, um so eher muß sie alles vermeiden, was auch nur im entferntesten einer Menschenjagd ähnelt. Es ging um Recht und nicht um Rache in Nürnberg. Es ging darum, dem unseligen Massen- und Kollektivdenken der Nazis wieder den klaren Begriff der menschlichen Persönlichkeit und der persönlichen Schuld entgegenzustellen. Statt dessen ist der Eindruck entstanden, daß es den Anklägern mehr darauf ankam, ganze Volksschichten als einzelne Menschen zu verdammen: „die“ Industrie, „die“ Generalität, „die“ Diplomatie, „die“ Beamtenschaft. Scheinbar wahllos, und doch mit bewußter Auswahl wurden einige wenige große Namen herausgegriffen, Namen, die irgendwie in Deutschland Tradition und Geschichte bedeuteten. Das ging bis zu der grotesken Formulierung, die „alten Beamten“ seien schuldiger gewesen als die eigentlichen Nazis. Dies alles läßt auf Sozialrevolutionäre Motive schließen, auf den Versuch, mit jeder deutschen Überlieferung ein für allemal aufzuräumen. Aber was ist rechtlich, erreicht, wenn insgesamt zweihundert Menschen angeklagt werden und wenn damit die Schuld von Teilkollektiven bewiesen werden soll? Will man aus der Schuld dieser Teilkollektive die alte längst zerbrochene Kollektivschuld wieder zusammensetzen?

Allzuvieles bleibt problematisch. Man fragt sich, was denn in den zwölf amerikanischen Prozessen, über den ersten Prozeß vor dem Internationalen Militärtribunal hinaus, für das Völkerrecht gewonnen worden ist. Die Begriffe des Angriffskriegs, der Plünderung, der Beihilfe zu Verbrechen, der Teilnahme an Verbrechen durch Zustimmung und manche andere sind eher dunkler als klarer geworden, gerade weil nicht mehr die oberste Garnitur der nazistischen Stabführung vor Gericht stand. Der kühne Sprung, hinweg über den, alten Grundsatz des nulla poena sine lege, wurde in einem rein amerikanischen Verfahren nicht überzeugender. Internationales Recht wird am besten in einem echten internationalen Prozeß gefördert. In einem solchen Prozeß darf ein Angeklagter nicht ungünstiger gestellt sein, als er es bei einem Verfahren im eigenen Lande gewesen wäre. In Nürnberg waren die Angeklagten schlechter dran als vor einem amerikanischen Gericht in Amerika, denn dort wären Dokumente und Affidavits niemals in gleichem Umfang als Beweismittel zugelassen worden. In Nürnberg wurde den Angeklagten nur in Ausnahmefällen ein amerikanischer Verteidiger bewilligt. Die deutsche Verteidigung war der amerikanischen Anklage gegenüber erheblich im Nachteil. Mühsam hatte sie zuerst um die Kenntnis des amerikanischen Verfahrens, dann um den Zugang zu den Dokumenten zu ringen. Der Anklage dagegen war so manches Mittel recht, das für unsere Begriffe zum mindesten ungewöhnlich ist. Sie war – milde ausgedrückt – weitherzig in der Beschaffung des belastenden Materials. Um so schwerer war es für die Verteidigung, der Anklage entlastendes Material zu entreißen. Und was soll man dazu sagen, daß ein Mann wie Gaus, ehemals Leiter der Rechtsabteilung im Auswärtigen Amt und Ribbentrops gefügiges Werkzeug, auf Druck derAnklage zu ihrem Kronzeugen gegen seine ehemaligen Mitarbeiter wurde. Was dazu, daß der zum Tode verurteilte neunzigtausendfache Mörder Ohlendorf der Anklage als Kronzeuge gegen die Heerführer dienen durfte. Die Waffen waren nicht gut und gleich in Nürnberg.

Wie endlich soll man sich mit dem letzten der Prozesse abfinden, in dem Ernst von Weizsäcker eine höhere Gefängnisstrafe erhielt als der SS-Führer Schellenberg, der im Reichs-Sicherheits-Hauptamt unter Kaltenbrunner eine düstere Rolle gespielt hat. Wahrlich, dieser letzte Prozeß sollte unter seinem amtlichen Titel „gegen Weizsäcker und andere“ in die Rechtsgeschichte eingehen. Denn vor diesem Namen verblassen „die anderen“ bis zur Anonymität. Der Führer der norwegischen Widerstandsbewegung, Bischof Berggrav, hat als Zeuge im Nürnberger Gerichtssaal den Wunsch ausgesprochen, diesem Angeklagten in Freundschaft die Hand geben zu dürfen. Viele Zeugen aus ehemals feindlichen wie aus neutralen Länlern, alle Überlebenden des deutschen Widertandes, die vernommen wurden, haben für Weizsäcker ausgesagt. Denn hier stand ein Mann vor Gericht, der aus eigener Verantwortung geblieben war, im Amte und in Deutschland, um besser für den Frieden und gegen Hitler kämpfen zu können. Diese Aufgabe galt ihm mehr als die Flecken auf der Weste“, die er sich dabei zuiehen konnte. Weizsäcker hat in seiner Doppelolle als Staatssekretär im Auswärtigen Amt und als führendes Mitglied der deutschen Opposition gegen Hitler jahrelang täglich sein Leben aufs Spiel gesetzt. Nach den Begriffen des Naziregimes beging er Hoch- und Landesverrat am laufenden Bande. Er hat mehr gewagt, mehr gelitten und geleistet, als wenn er nach Hitlers Machtergreifung seinen Abschied genommen und so sich der Möglichkeit wirksamen Eingreifens selbst beraubt hätte. Es ist widersinnig, daß dieser Mann des Verbrechens gegen den Frieden, den er liebte wie kaum ein anderer, und gegen die Menschlichkeit, die er besaß wie kaum ein anderer, schuldig befunden worden ist. Hier ist ein Mensch dem Dokumentenprozeß erlegen. Was ihn zu belasten schien, war in Akten verzeichnet. Was ihn entlastete, davon haben die Menschen gezeugt, aber – wie könnte es anders sein – die Akten nichts berichtet. Auf weitem Wege ist das Gericht hier der Verteidigung gefolgt, um dann doch vor der letzten und fast selbstverständlichen Konsequenz des Freispruchs zurückzuschrecken. Nach der Nürnberger Tradition „durfte“ Weizsäcker nicht unschuldig sein. Sie blieb bis zuletzt stärker als die innere Logik der Tatsachen.

Aber einer der drei Richter, Judge Powers, bewies, daß auch in einem solchen Verfahren der menschliche Geist über die Materie siegen kann. Er hielt das Urteil in verschiedenen Punkten für ungerecht und legte deshalb seine abweichende Meinung in einem ausführlichen Bericht nieder.. Dies war nicht das erstemal, daß ein Nürnberger Richter so vorgegangen ist. Aber in diesem Falle geschah es mit so erfrischender Klarheit und Rechtlichkeit, mit so durchschlagenden Gründen, daß dem Bericht dieses Richters, gleichsam als einem Schlußeffekt aller Nürnberger Prozesse, erhöhte Bedeutung zukommt. Allen Freunden der Gerechtigkeit bietet es Trost und Hoffnung zugleich, daß Weizsäcker, wenn es nach Judge Powers ginge, heute ein freier Mann wäre. Und das gilt für verschiedene andere Angeklagte in diesem und in den früheren Nürnberger Prozessen. Niemand will Ohlendorf und andere wirkliche Verbrecher weißwaschen. Aber der Nebel, in den die Anklage das Recht gehüllt hat, muß weichen. „Es ist kein Verbrechen, Moralpredigten zu unterlassen“, sagt Judge Powers. Kürzer und wirksamer kann der Stoß durch den Nebel nicht geführt werden. Die Anklage, die nachträglich von Weizsäcker pathetische Ermahnungen und moralische Proteste an die Adresse Hitlers und Ribbentrops als Beweis seiner Unschuld fordert, beweist gerade damit, daß ihr das Dritte Reich ein Buch mit sieben Siegeln geblieben ist. Aber Judge Powers ist ein Mensch, und deshalb ist ihm nichts Menschliches fremd.