Der Atlantikpakt ist in geographischer Hinsicht recht sprunghaft. Das tief im Mittelmeer liegende Italien ist Mitglied, das mit weiten Strecken seiner Küsten, und guten Häfen den Atlantik berührende Spanien nicht; Ähnlich sieht es auf der nordafrikanischen Seite aus. Der Schutz des Art. 5 des nordatlantischen Verteidigungspaktes umfaßt ausdrücklich die „algerischen Departements Frankreichs“, die zwar an das Mittelmeer stoßen und an das Sandmeer der Sahara, aber dem Atlantik an keinem Punkt auch nur auf 1000 km nahekommen. Marokko dagegen, das in Casablanca einen der besten Atlantikhäfen überhaupt besitzt und seine überragende strategische Bedeutung für die Kriegführung in Nordafrika und Europa bei der Operation Torch, der Landung der Alliierten im Herbst 1942 bewiesen hat – Marokko wird des Schutzes des Atlantikpaktes nicht teilhaftig.

Merkwürdigerweise sind die Araber beider Gebiete mit der jeweils getroffenen Lösung nicht zufrieden. Für die Algerer sprach der alte Recke Abd-el-Krim, der in einem Protesttelegramm aus an Trygve Lie betonte, daß das algerische Volk tiefverletzt sei über die Anerkennung der völligen Unterwerfung Algeriens unter französische Herrschaft, die in diesem Passus des Vertragstextes zum Ausdruck komme. Nun, so müßten die Marokkaner doch eigentlich zufrieden sein, daß sie nicht erwähnt worden sind? Sie sind es nicht, obwohl sie ‚noch vor einigen Wochen offiziell erklärten, es könnte auf keinen Fall geduldet werden, daß Marokko automatisch durch einen Vertrag Frankreichs gebunden werde. Was sie – und das heißt in diesem Falle, was der junge Sultan Si Muhammed ben Jussef und die Nationalistenpartei Istiqlal – wollen, ist der Beitritt zum Atlantikpakt und seine Unterzeichnung durch den Sultan von Marokko. Rein völkerrechtlich beruht diese Forderung auf einer durchaus möglichen Auslegung des Protektoratsvertrages, der dem Sultan völkerrechtliche Handlungen mit französischem Einverständnis durchaus gestattet. Der Sultan von Marokko hat z. B. zweimal, 1914 und 1939, Deutschland den Krieg erklärt, obwohl dies dies zweite Mal: gar nicht nötig gewesen wäre: man hatte nämlich vergessen, ihn zum Vertrag von Versailles hinzuziehen, und so bestand ohnehin 1939 noch Kriegszustand zwischen dem Deutschen Reich und dem Sultan.

Der wirkliche Grund für des Sultans Aufbegehren liegt freilich tiefer. Er will nicht nur seine Kaiserliche Majestät beweisen, sondern er trachtet vor allem danach, Frankreich einen fühlbaren Nadelstich, zu versetzen. Es läßt sich nicht verheimlichen: seit zwei Jahren, seitdem General Juin französischer Generalresident in Marokko ist, haben sich die marokkanisch-französischen Beziehungen beständig verschlechtert. Aus edler Besorgnis um die durch Volksdemonstrationen gefährdete Person des Sultans hat Juin jedes öffentliche Auftreten des Sultans verhindert; selbst sein Sohn, der kleine und bei der Bevölkerung sehr beliebte Prinz Mulay Hassan darf sich in der Öffentlichkeit nicht mehr zeigen, und die hübsche, energische und allem Modernen so zugetane Prinzessin Lallah Aischa darf vor den marokkanischen Frauen keine Propaganda mehr treiben gegen das Tragen des Schleiers und für Frauenwahlrecht und nationale Belange.

Der Sultan sinnt also, wie er zugleich die Franzosen reizen und Anlehnung an eine Macht finden könnte, deren milder Druck auf Frankreich seine Lage erleichtern würde. Mit seinen Erklärungen bzw. denen des Führers der Istiqlal, Muhammed Belafredsch, zum Atlantikpakt ist ihm dies gelungen: die Franzosen ärgern sich, wie die Reaktion ihrer Presse zeigt, und die amerikanische Presse notiert liebevoll jede seiner Äußerungen. In Amerika hat man – ebenso wie in Deutschland – eine sentimentale Neigung für nationale Unabhängigkeitsbewegungen und verabscheut jeglichen Kolonialismus. Man sollte sich jedoch in jedem solchen Falle genau überlegen, ob Europa und der Verteidigung des Kontingents mit der Zerreißung wirtschaftlicher Bande, mit militärisch schwachen, innerlich zerrissenen Gebilden an strategisch wichtigen Punkten in diesen Jahren der Krise gedient wäre. Unter diesem Aspekt kann man viel Verständnis für den französischen Standpunkt und für die Sorgen Frankreichs gerade in Nordafrika haben. Allerdings läßt sich dann auch die Frage nicht umgehen, ob eine Herrschaftsmethode, die hochzivilisierte, tapfere und kriegerische Menschen wie die Marokkaner in Opposition zu Europa führt, auf die Dauer und gerade heute angebracht ist. Peter H. Schulze