In einem Brief, den Ministerpräsident Lüdemann an Oberdirektor Dr. Pünder geschrieben hat, wird gesagt: „Die Sorge für die Flüchtlinge ist eine gesamtdeutsche Aufgabe. Es kann nicht verantwortet werden, daß Schleswig-Holstein dadurch, daß es diese Aufgabe über sein Maß und seine Kraft hinaus erfüllt hat, zum Armenhaus Westdeutschlands wird.“ Das ist, im Kern, die Begründung dafür, daß die Kieler Regierung das Vereinigte Wirtschaftsgebiet um Mittel für die Durchführung eines Notstandsprogramms in Schleswig-Holstein bittet.

Schleswig – Holstein, dessen Einwohnerzahl durch das Hineinpressen der Flüchtlinge von über 1,5 auf mehr als 2,7 Millionen gestiegen ist, zählt heute über 170 000 Erwerbslose. Mehr als 21 v. H. aller im Berufsleben stehenden Menschen sind ohne Arbeit! Die wirtschaftliche Schwäche des kleinen Landes wird durch die ungünstige Lage und die Folgen der Zonentrennung verschärft.

Das Notstandsprogramm fordert für das laufende Rechnungsjahr 65,4 Mill. DM. Von ihnen stellen 17,5 Mill. einen Zuschuß zur Schaffung von Schulräumen und zu den Schulkosten für Flüchtlingskinder dar – die Zahl der Schüler ist auf 235 v.H. der Vorkriegszeit gestiegen. 14 Mill. sollen zu Deich- und Meliorationsarbeiten und 12 Mill. für Verkehrsverbesserungen Verwendung finden. Die übrige Summe entfällt auf die Umsiedlung von Flüchtlingen, die Instandsetzung der schleswig-holsteinischen Hafen, den Wirtschaftsfonds der Flüchtlingsbetriebe, die Aufforstung und die Errichtung von Siedlerstellen.

Außerdem wird um einen Kredit von 202,56 Mill. DM gebeten. – Dieser ist für die Förderung des Gewerbes – 40 000 Arbeitsplätze sollen in bereits bestehenden Räumen geschaffen werden –, für den Ausbau der Versorgungsanlagen, den Aufbau des Fremdenverkehrs, für Verkehrsverbesserungen sowie die Schaffung von Siedlerstellen, Wohnungen und Schulräumen gedacht.

„Der beantragte Zuschuß, der unabhängig von dem Finanz- und Lastenausgleich dem Land Schleswig-Holstein zufließen müßte, und die Kredithilfe würden“, so erklärte der Ministerpräsident, „erstmalig ermöglichen, etwas Entscheidendes gegen das Flüchtlingselend und für den Aufbau der schleswig-holsteinischen Wirtschaft zu tun.“ S-r.