Von W. Renner

Seit dem Ende des ersten Weltkrieges tauchte in der Medizin immer nieder die Forderung auf, in Forschung und Praxis den Blick vom erkrankten Organ und seinen Beziehungen zu den anderen Organen des Menschen zu lösen: der anderen Mensch in seiner leib-seelischen Einheit sollte betrachtet und behandelt werden. Versuche einer solchen Ganzheitsmedizin kamen aus der Konstitutionsforschung, aus der psycho-somatischen Medizin und aus noch anderen Quellen, Der Drang, dem ganzen Menschen zu helfen und ihn zu heilen, entspringt edelstem Empfinden und dem immer wiederkehrenden ärztlichen Erlebnis, wie geheimnisvoll verwebt die Beziehungen zwischen Leib und Seele sind. Gewisse Gesetze, die hier walten, galt es zu erfassen.

Alle großen Ärzte der Geschichte haben sich aber bereits um diese Fragen bemüht. Auch die Virchowsche Cellularpathologie, deren Ziel es war, Anfang und Sitz jeder Krankheit anatomisch zu lokalisieren, war ein wichtiger Schritt, sich dem Verständnis des kranken Menschen zu nähern. Zwar haben Virchows Nachfolger zum Teil wirklich über der Erforschung des einzelnen Organs den kranken Menschen vergessen und Teile seiner Lehre falsch verallgemeinert. Aber das ist das Schicksal jedes großen Lehrers. Daß die Schau der morphologisch-materiellen Seite der Krankheit nicht zu einer einseitigen Betrachtung der Medizin zu führen braucht, ja, konsequenterweise nicht einmal kann, zeigte uns Virchow durch seine eigenen Worte: „Die Medizin ist die Wissenschaft vom Menschen und nichts Menschliches ist von ihr zu trennen.“ Die Tragweite dieses Satzes ist ungeheuer. Er besagt, daß es nie eine vollkommene Medizin geben kann; denn alles, was von Menschen je gedacht, getan und erlebt wurde, ist menschlich. Niemand hätte die Größe, auch nur einen Bruchteil des „Menschlichen“ seiner eigenen Zeit zu begreifen.

Weiter schließt Virchows Wort in sich, daß der Arzt sich nicht nur um den kranken Menschen bemühen darf. Er muß auch wissen, wie ein gesunder Mensch beschaffen ist, nicht nur um die Krankheit zu erkennen und abzugrenzen, sondern auch um den Grad und die Art der Gesundheit zu erkennen, die bei jedem einzelnen Kranken zu erstreben und zu erreichen ist. Zudem ist jeder Kranke, wenn man ihn als Individuum oder als Ganzheit betrachtet, einmalig, denn bei der Unzahl von verschiedenen Merkmalen, die ein Mensch tragen kann, liegt es weit außerhalb jeder mathematischen Wahrscheinlichkeit, daß die gleiche Kombination jemals wieder in einem anderen Menschen auftreten wird oder aufgetreten ist. Aber nur das Wiederholbare, nie das Einmalige, ist naturwissenschaftlich erfaßbar. Es gilt daher, wenn man sich dem ganzen Menschen nähern möchte, Ähnlichkeiten zwischen den Menschen zu finden und zu benennen, das heißt eine Typologie aufzustellen. Wie schwankend aber ist die Beurteilung der Faktoren, deren Gemeinsamkeit in den Augen der Betrachter eine Ähnlichkeit bedingt. Manche Menschen glauben an die Ähnlichkeit zwischen Menschen, die im gleichen Sternbild geboren sind; andere meinen, daß ähnliche Kindheitserlebnisse Ähnlichkeiten wesentlicher Art im späteren Leben bedingen. Auch der Grad der Ähnlichkeit, den Beruf, Familie, Volkszugehörigkeit, Zeitgeist und Religion bewirken, ändert sich mit dem Standpunkt des Betrachters. Welche Ähnlichkeiten also der Arzt als bedeutsam ansieht, hängt – von seiner Philosophie ab. Wieweit er sich von Fall zu Fall von seiner Philosophie lösen kann, macht seine Größe und seinen Erfolg aus.

Wie schwierig es ist, und wie willkürlich, Krankheit von Gesundheit abzugrenzen, möge ein Hinweis auf die Altersvorgänge beim Menschen zeigen. Zur Definition der Krankheit meinte Virchow: „Was wir Krankheit nennen, ist nur eine Abstraktion, ein Begriff, womit wir verschiedene Erscheinungskomplexe des Lebens aus der Summe der übrigen heraussondern, ohne daß in der Natur eine solche Sonderung bestünde.“ Und zur Frage der Philosophie: „Wir haben unsere Methode, die jetzt landläufige naturwissenschaftliche Methode, nicht ohne Philosophie gefunden. Es gibt einen materialistischen Dogmatismus, so gut wie einen kirchlichen und idealistischen, und ich gestehe auch gern zu, daß der eine wie die anderen reale Objekte haben können. Allein sicherlich ist der materialistische der Gefährlichere, weil er seine dogmatische Natur verleugnet und in dem Kleid der Wissenschaft auftritt, weil er sich, empirisch darstellt, wo er nur spekulativ ist.“ Virchow warnt somit davor, seine Ganzheitsbetrachtung materialistisch, das heißt also naturwissenschaftlich zu versuchen. Jeder Versuch einer ganzheitlichen leib-seelischen Betrachtung muß sich bemühen, die große Lebenskraft, die das Zusammenwirken der Teile zu einem Individuum bewirkt, zu begreifen. Möge man sie als Seele, Persönlichkeit oder ganz allgemein als Leben bezeichnen, sie wird uns immer ein Rätsel bleiben. Nur ein starrer Dogmatismus kann versuchen, sich durch eine Benennung einzureden, er habe sie begriffen. Wie gefährlich dies aber für die Beziehungen zu den Dingen ist, die uns durch die Ehrfurcht, die wir vor ihnen empfinden, das Leben lebenswert machen, zeigt Virchow, wenn er sich gegen die Bezeichnung der Lebenskraft durch Seele in einem höheren Sinne wendet: „Diejenigen, welche nicht auch eine solche Kraft für die Pflanzen statuieren und eine Pflanzenseele annehmen, sind nicht konsequent; die, welche es tun, gewinnen nichts als eine Phrase.“

Leicht können Dogmatiker, die nicht jene Ehrfurcht vor dem Letzten besitzen wie Rudolf Virchow, auch diese Ehrfurcht in anderen Menschen zerstören.

Alle Versuche einer ganzheitlichen Betrachtung der Medizin müssen entweder scheitern oder „nichts als eine Phrase gewinnen“. Das Gebiet des Menschlichen ist viel zu weit und wir kennen nicht seine Grenzen. Faust hatte die Medizin aufgegeben. Aber immer wieder wird das Streben nach einer Gesamtschau des Menschen die großen Geister in der Medizin anziehen. Und das Neue seit dem Ende des ersten Weltkrieges besteht darin, daß dieses Streben zur Forderung erhoben wurde, kollektiviert wurde, und damit oft aus den vorsichtigen Händen der großen Empiriker in die von Dogmatikern überwechselte. Aber nur die wirklich Großen sind es, die eine neue Linie in das nie zu vollendende Kunstwerk einzeichnen werden: Das Bildnis des Menschen.