Von Karl Krolow

Sie entzücken nicht wie die Nachtigallen, wenn sie die duftende Dämmerung mit ihren wilden Kehllauten tränken. Ihren betäubenden Gesang meinen wir nicht. Auch nicht die Musik der zarten Grasmücken, die unschuldig und aus allen Kräften singen und Augen haben, die wie lebende Maulbeerkörner sind, nicht die läutenden Meisen, ihr spaßhaftes Krakehlen, das vors offene Mittagsfenster gehört, zwischen Zäune und ins gepuderte Haselgebüsch. Auch die samtene Lerche, die selige Jublerin, wollen wir hier nicht loben. Wir gehen dem Rufen melodischer Schwermut nach.

Amseln haben eine sentimentale Melodie. Das einfache Draufloszwitschern liegt ihnen nicht. Sie machen das Zuhören beinahe schwierig. Es ist ein süßes; kunstvolles Flöten, und wenn der Regen dazu rauscht und die Nußbaumblätter reden, ein Zapfen ins Gras klopft und pralle Schoten knallen, leistet man ihm keinen Widerstand mehr, und das Ohr nimmt es willig hin. Ein schwerer, umwölkter Gesang ist es, der mitunter trostlos abbricht, aber ebensogut ohne Ende sein könnte, unabsehbar helldunkel, und dem Geraune eines fernen Brunnens nicht unähnlich. Etwas Verzehrendes liegt ihm zugrunde, etwas vom Wesen scheuer Klage und uneingestandener, halber Hoffnung. Oder es rührt einen mit geheimnisvoller Lieblichkeit an. Vor der Eindringlichkeit eines zarten Gesichtes mag man sich plötzlich dieses Amseltones erinnern.

Ganz still verhalten sich die Amseln nur während der kurzen und hinfälligen Tage des Spätjahres. Schon im Januar, wenn der Polarwind sich eben gelegt hat, der sprühenden Schneestaub über die Welt warf, können sie mit vorsichtigem Schreien aus dem Baum huschen. Aber sie wagen sich immer lauter hervor; und wenn der betäubend gewürzte Seidelbast seine blauen Lichter ausruft, ist die Heiserkeit von ihnen gewichen und sie versuchen sich mit rührendem und ganz sprödem Gesinge, das wie leises Locken anzuhören ist. In sanftem, melodischem Wiegen sind sie befangen. Bald wählen sie die Spitzen alter Giebel, den Knauf des Pumpenschwengels oder ein braunes Gatter zu ihren Versuchen, die weiter tragen als der Singsang des schnell fertigen Meisenvolkes, das sich besonders hervortut, weiter auch als der unbeschwerte Kehllaut der Finkenhähne und der eigensinnige Gimpelpfiff. Bald haben sie alle anderen Übenden eingeholt; und wenn die müde Luft die Spiräen und Forsythien angezündet hat, die ersten Mückenschwärme überm Gartenbeet tanzen und abends der wachsende Mond im zarten Dunst leuchtet, jagen sie einander mit ungewissem und verdorbenem Geschrei, das an trockenen und heißen Spätmärztagen etwas Fiebriges bekommt.

Wochen folgen, in denen sie süß und schmerzlich rufen wie nie wieder. Ihr Gesang bekommt an seinen schönsten Stellen zierlichen Geist. Wenn man an Grabenrändern Schlehen pflückt, die Kastanienblätter breit werden und wilde Kirschen und Birnen im Walde strotzend blühen, die Tage gesegnet sind mit leisem Äther und die Tulpen im Freien geschnitten werden, haben die Amseln ihre höchste Zeit fast überschritten. Sie sind tätiger denn je, und die Brutgeschäfte gehen nun vor. Lange noch kommt ihr zuweilen stundenlanges Konzert aus breiten Alleebäumen, ulmenbestandenen Parks und verlassenen Kirchhöfen. Aber es scheint, als ob das ungemein Volle ihrer Sprache sich allmählich verlöre und dünner würde.

Wenn nach Johanni die meisten Vögel verstummen, und die Hornissen aus dem Gedörne brausen, versuchen sie sich tapfer weiter und es gelingt immer noch auf Monate, vorzüglich, wenn die Sommer Feuchtigkeit bringen. Verregneter August erschallt gelegentlich noch rein von Amselrede, und die entkernte Pflaume, die entkernte Nuß erleben es, wie die Zeit ihnen durch den Zuspruch der schwarzen Melancholiker verkürzt wurde.

Die Amseln sind Gewittervögel. Nichts belebt sie so wie ein aufziehendes schweres Wetter. Dann werfen sie sich von Ast zu Ast, und es ist zum erstenmal Jauchzen in ihrer Kehle und unterdrückte Lust. Wie ohne Besinnung sitzen sie und atmen und sperren die Schnäbel. Beinahe schrill tönt es aus den seufzenden Ahornen, die sich in der Regenbö biegen. Den Sonnenbogen grüßen sie nach dem Vorbeizug des Unwetters von allen Enden und haben dabei alle Kunstfertigkeit, das Sentimentale ihres Temperaments.

Wenn zum Amseljahr etwas gehört, ist es dies: eine Luft, die getränkt ist von Feuchtigkeit und von feinen’ Regenstrichen durchzogen wird, schrägstehende Sonne, die ohne Kraft ist und rötlich in Hollergräben versinkt, mit einem Licht, in dem sich die zarten Blumen des Frühjahrs drehen, die wilden und prächtigen des Sommers und die schönen, vergänglichen Herbstgeschöpfe. Hinter ihnen allen hat man den runden Vogelkopf auftauchen sehen: hinter dem starken Pfingstrosen mit den breiten, gesunden Gesichtern, dem schweren, violetten Flieder, der von Nässe schäumte, den fleischigen, weißen Tuberosen, deren heimtückischer Duft einschläfert, hinter der fahlen und verzehrenden Belladonna, die ihren Namen davon hat, daß in abgelebten Zeiten Kurtisanen ihre Gifte nahmen, um ihre ohnehin schon gefährlichen Augen zu vergrößern. Der von Regen überschüttete Oleander hatte die schwarzen, singenden Vögel aufgenommen, der in seinen zähen, faltigen Blättern das Wasser sammelt. Bis man eines Tages ihre leblosen Bälge findet und die dunklen Körper von Wind und Erde begraben werden, auf die neuer Regen fällt, in dem andere Vogelkehlen süß und wehmütig den Amselreim zu sprechen anheben.