Der Hilfslehrer Horst Fichte verbrachte seinen letzten Erdentag nicht anders, als seinen ersten, nämlich schlafend. Amtlich starb er um dreiundzwanzig Uhr dreißig an Herzschwäche, wohlumsorgt von der Schwestern- und Ärzteschaft. Jedoch der Heizer Pospischil, der nebenan auf 116 lag, streute sofort die ordinärsten Zweifel an dieser idyllischen Darstellung aus. Nicht um dreiundzwanzig, um zwei Uhr des Morgens sei der gute Fichte entschlummert, und zwar schandhafterweise völlig allein und verlassen und auch mit einem deutlich hörbaren Seufzer darob. Als diese Pospischilsche Berichtigung der Obrigkeit zu Ohren kam, entzog ihm der Chefarzt das Wohlwollen und die Stationsschwester den Pudding.

Niemand wußte, daß dieses Geplänkel um Zeitpunkt und Umstände von Fichtes letztem Stündlein nur ein Tarn- und Rückzugsgefecht darstellte, das der Pospischil für seinen toten Freund ausfocht. Der kleine blasse Mann mit dem markigen Namen Fichte hatte sich nämlich sozusagen heimlich aus dem Leben davongemacht. Urd Pospischil lag es nun ob, diese Flucht zu decken.

Beim Schach, und als sie noch beide auf 115 lagen, kam die Sache auf. Das war kurz vor Fichtes drittem und letztem Ausflug in die grüngehenkelten Schmerzenssäle gewesen, nach jenem zärtlichen Abschied des Hilfslehrers von seiner fröhlich zum Nachmittagsbesuch herbeigeeilten Gattin. Fichte stieg mit so geringen Aussichten in das Abenteuer seiner dritten Magenoperation, daß es schon der ganzen Blindheit eines liebenden Weibes bedurft hatte, nicht zu sehen, wovon hier alle Zeichen sprachen. Nach diesem Besuche also und während sie noch mit zwiespältigen Gefühlen die gelungene Täuschung von Frau Magda Fichte überdachten, kam zwischen den beiden Zinmergefährten die Rede auf die Trauer. Der Tippler und ewige Spitalreisende Pospischil, obgleich nur gelegentlich vom Rheuma und keinesfalls je vom Tode bedrängt, äußerte schwermütig die Ansicht, das Sterben sei eine Unnatürlichkeit. Eine Unzucht der Natur sozusagen. Worauf der kleine Hilfslehrer mit der Blechbrile auf der ewig wunden Nase den Heizer zerstreut anblickte und einem ganz anderen Gedanken Ausdruck verlieh:

Es gäbe nicht den rechten Trost mehr für die Hinterbliebenen der Toten, tat er Pospischil zu wissen. An ein Wiedersehen im Himmel zu glauben, habe die Menschheit mehr und mehr aufgegeben, und das Fortleben im Kinde sei schon gar kein Trost, wenn es zu Kindern nicht gekommen sei. Somit böten sich für Frau Magda, die ahnungslos liebende, im Falle seines Ablebens Trostaussichten so gut wie keine. Oder solle sie sich etwa daran aufrichten, daß er, Horst Fichte, einmal der beste und treusorgendste Gatte dieser Welt gewesen? Just dies sei es ja, was ihren Schmerz zur Verzweiflung treiben müsse.

In diesem Augenblick bot Pospischil Schach mit dem Springer, und Fichte dachte lange und tief nach.

„Im Rösselsprung“, sagte er, kurzsichtig blinzelnd, „im Rösselsprung müßte man die Trauer angehen, schräg von der Seite.“

Mit dem Heizer Pospischil ließ sich schon in solch bildhafter Weise reden. Er verfügte über die gediegene Schach- und Büchereibildung der alten Spitalreisenden.