Ob Georgi Dimitroff in Ungnade gefallen, oder wirklich krank sei, war die Frage, welche mehr oder weniger sensationell gestellt und beantwortet wurde, seitdem man erfuhr, daß Stalins Statthalter, der Ministerpräsident und Generalsekretär der kommunistischen Partei Bulgariens, wegen seiner Krankheit Urlaub erhalten und sich nach Rußland zur Kur begeben habe. Zunächst glaubten die meisten, er sei in Ungnade gefallen und werde niemals nach Bulgarien zurückkehren; dann kam die Verwirrung, als über die Bildung eines „Superkabinetts in Sofia“, dem Dimitroff angehört, berichtet wurde. In Wirklichkeit stimmt sowohl die Behauptung, daß er krank ist, als auch die Vermutung, daß er in Ungnade gefallen ist, oder zumindest, daß er nicht mehr die Gunst des Kreml genießt.

Als der stellvertretende Ministerpräsident Traitscho Kostoff auf Beschluß des Zentralkomitees der bulgarischen KP aller seiner Ämter enthoben wurde, hieß es in der offiziellen Verlautbarung, er habe sich sowjetfeindlich verhalten. Man hatte ihn offenbar für die wachsende antisowjetische Stimmung im Lande, die durch den bisherigen Erfolg der Tito-Rebellion immer stärker wird, verantwortlich machen und vor den Sowjets denunzieren wollen. Die wirklichen Gründe für die Absetzung Kostoffs aber waren in der ausführlichen Begründung des Zentralkomitees enthalten. Darin hieß es, er habe versucht, das Politbüro zu spalten und Dimitroff zu stürzen. Vor allem habe der „krankhaft ambitiöse Individualist“ versucht und zum Teil erreicht, Mißtrauen zwischen den beiden kommunistischen Parteien – der sowjetischen und der bulgarischen – hervorzurufen.

Daß Kostoff das Mißtrauen des „großen Bruders“ gegen Dimitroff erweckt hat, und daß er ohne Erlaubnis des Kremls entlassen wurde, ist kaum zu bezweifeln. Denn der prominente linienuntreue Kommunist, der sich geweigert hatte, feine Fehler anzuerkennen und zu bereuen, wurde zwar zunächst eingesperrt – wie das auch sonst In den Volksdemokratien üblich ist –, aber zehn Tage nach seiner Absetzung zum Direktor der Nationalbibliothek ernannt. Am selben Tage kam das Kommuniqué über die Erkrankung Dimitroffs und seinen Urlaub. Seitdem bezeichnen ihn die bulgarischen Zeitungen nicht mehr als ihren „großen Lehrer, den ruhmreichen Genossen Dimitroff“. Er wird höchstens beiläufig erwähnt. Trumpf in Sofia ist jetzt „das ruhmreiche Zentralkomitee der KP Bulgariens“, und es ist sehr fraglich, ob es dem ohnehin kranken Dimitroff jemals gelingen wird, diesen Kurs umzustoßen. Wahrscheinlich wird man ihn nach und nach in Vergessenheit geraten lassen. B-w