Von unserem Londoner Korrespondenten

Der jugendliche englische Handelsminister Wilson hat nunmehr die „Vierteilung“ der Vereinigten Staaten angekündigt, um mehr Dollar für Großbritannien hereinzubringen. Es handelt sich natürlich um eine ebenso friedfertige wie unblutige Vierteilung – um die Aufteilung nämlich in vier große Handelsbezirke, für die je ein besonderer Handelskonsul (ohne Eingliederung in den Konsulardienst oder gar Konsulatsdienst!) bestellt werden soll.

New York, New Orleans, Chikago und San. Franzisko werden die „Hauptstädte“ dieser Viertelkontinente sein. Geschäftsleute aus der Praxis werden von diesen vier Städten aus ihre Netze auswerfen, um Dollar für England zu fischen. Der Auserwählte für New York, Mr. MacCarthy, ein Geschäftsmann in Schiffahrt und Öl, ist bereits drüben; die anderen drei werden bald ernannt werden. Einer von ihnen wird vielleicht Mr. Neville Blond sein, der seit Jahresfrist nicht nur in den USA für britische Waren, sondern in England selbst für die Erschließung des amerikanischen Marktes wirbt. Soeben hat er eine neue Verkaufstour durch die USA begonnen und seine bereits sehr amerikanisch gefärbte Propaganda legt Wert auf die Feststellung, daß sich in seinem Musterkoffer ein tragbarer Fernsehapparat, ein Meßgerät für Gesichtspuder und die erste elektrisch heizbare Bettdecke befinden.

Für Westdeutschland, im Zeichen der Exportmesse Hannover, der Bauerlaubnis für langsame Handelsschiffe, der rückgängig gemachten Einzelkontrolle für Südamerika-Abschlüsse und der zwar sterbenden, aber sehr zählebigen Dollarklausel – für Westdeutschland also klingt das alles wohl etwas verwirrend. Selbst für die Engländer, für die eine Geschäftsreise in die USA zu einem Katzensprung geworden ist, den man zusammen mit mehreren anderen Verabredungen in London oder Manchester in ein Wochenprogramm hineinzwängen kann, wirken diese Anstrengungen etwas hektisch. Dennoch: es steht ein großer Ernst dahinter. Entweder England erreicht es, unter Anwendung amerikanischer Werbemethoden selbst unter seinen eigenen Exporteuren, die Dollarerlöse aus den USA und aus Kanada von 136 Mill. £ im vergangenen auf 180 Mill. £ im nächsten Jahre, 1950, zu steigern – oder aber die Abwertung des Pfundes rückt in bedrohliche Nähe. Es handelt sich ja nicht nur daram, den Amerikaner davon zu überzeugen, daß er noch ein wenig mehr aus England kaufen soll. Es handelt sich vor allem darum, den britischen Exporteur dafür zu gewinnen, seine Angebote preislich, qualitäts- und aufmachungsmäßig auf die besonderen Bedürfnisse der USA zuzuschneiden. Für den britischen Exporteur ist es im Augenblick noch sehr viel leichter und rentabler, seine Waren teuer gegen Sterling im Empire oder im Rahmen bilateraler Handelsvertrage abzusetzen. In den USA muß er die frische Luft der Konkurrenz in Kauf nehmen – mit niedrigeren Preisen und größeren Ansprüchen der Käufer. Aber die ausgeglichene britische Zahlungsbilanz ist nicht genug; es muß nun eine ausgeglichene Dollarbilanz angestrebt werden. Zusätzlich 200 Mill. $, rund gerechnet, aus Exporten nach Dollarländern, das ist die eine Quelle, die jedoch nur für etwa ein Drittel der Dollarlücke aufkommen soll. Der Rest muß durch andere Maßnahmen geschlossen werden: Verengung der Einfuhren aus Dollarländern, Verengung der Dollarausgaben im übrigen Sterlingblock, vor allem in den Dominien, und Erhöhung der Dollareinnahmen im übrigen Sterlinggebiet, vor allem aus den Rohstoffen der Kolonien.

Höchster, vollständiger Vorrang aller Rohstoffanforderungen für Dollaraufträge, Krediterleichterungen über die Export-Kreditgarantie, Werbung in den USA, auch wenn das Dollar kostet, Appelle in England, vor allem zum Studium nicht nur des Luxusmarktes in den USA – siehe geheizte Bettdecken –, sondern auch des eigentlichen Verbrauchsgütermarktes, Handelskonsul und Handelsreisende mit „Pfeffer im Blut“ – das sind die Einfälle, die Handelsminister Wilson entstammen, der weitgehende Vollmachten erhalten hat und weitergeben will an jeden, der Erfolg verspricht, der aber eines nicht versuchen darf: durch staatliche Maßnahmen, die auch nur entfernt nach Subventionen riechen, die Preisgestaltung zu beeinflussen. Wilson würde es dann sofort mit den USA-Behörden zu tun bekommen, die lieber eine Pfundabwertung als eine Exportsubventionierung in Kauf nehmen wollen.

Wilson hat übrigens auch in England mit einer langsam wachsenden Lawine von Stimmen zu rechnen, die einer Abwertung nicht nur des Pfundes, sondern aller übrigen Währungen das Wort reden. Sie nennen es „Erhöhung des Goldpreises“ – und das heißt: Erhöhung des USA-Preises für Goldankäufe. Nur eine Frage wird dabei nicht beantwortet: was die USA eigentlich mit noch mehr Gold anfangen sollen? Vernünftigere Ratgeber sehen weder in einer Pfundabwertung – möglicherweise am Vorabend einer nennenswerten Verbilligung der Rohstoffe und Nahrungsmittel am Weltmarkt, die damit für den Binnenmarkt verloren ginge! – noch in einer Erhöhung des Goldpreises in aller Welt die Antwort. Sie weisen, ernst und gefaßt wegen der Schwierigkeiten, die ihr Ratschlag birgt, darauf hin, daß die Antwort im Augenblick noch bei der Marshall-Hilfe liegt, daß sie in der Zukunft – bei gleichbleibender oder wachsender Produktionsanstrengung aus eigener Kraft – bei wachsenden Dollarerlösen aus der Ausfuhr liegen muß und daß ein Erfolg rechtzeitig zum Abschluß der Marshall-Hilfe 1953 den Weg ebnen könnte für umfangreiche, regelmäßige, langfristige Investitionen privaten Kapitals aus den USA in England. So bleibt der Dollar also Trumpf – und Westdeutschland, noch immer ein Dollarland, soweit es die Differenzspitzen zwischen Einfuhr und Ausfuhr im Handel mit einzelnen Ländern angeht, Westdeutschland muß seine Hoffnung vorerst auf den bilateralen Handel als den „Breiberg“ auf dem Wege ins Dollar-Schlaraffenland des international freien Handels setzen ...