Für sieben Tage pulste durch Niedersachsens tatkräftige Hauptstadt wieder die Unruhe des Messelebens. In der Stadt und draußen auf dem Messegelände, das in diesem Jahre erfreuliche Verbesserungen erfahren hatte, grüßten die Fahnen der verschiedensten Länder die inländischen und ausländischen Besucher der Allgemeinen Exportmesse. Acht moderne Ausstelgegenüber mit rund 50 000 qm Fläche zeigten gegenüber den Messen der vergangenen beiden Jahre ein planvolles und gesundes Ansteigen des deutschen Warenangebots. Sie zeigten im Vergleich zu den Vorjahren aber auch eine sehr begrüßenswerte Qualitätsverbesserung auf allen Gebieten der deutschen Produktion und ein Anpassen an die Wünsche des ausländischen Käufers Leistungsfähige Textilindustrie

Ein überzeugendes Beispiel für dieses Anpassen bot die Textilindustrie, die mit führenden Firmen der drei Westzonen und Berlins vertreten war. Im Vordergrund standen die Firmen Nordrhein-Westfalens mit ihren erfolgreichen Afrikadrucken. Ob allerdings – auch wenn wir im Goethe-Jahr stehen – eine Krefelder Firma mit dem Kopf und dem Namenszug des Dichters als Krawattenmuster gute Geschäfte machen wird, dürfte zweifelhaft sein. Bedauerlich bleibt, daß Westdeutschlands Textilindustrie, obwohl sie in der Frage der Qualität und der Musterung durchaus den Weltmarktanschluß hat, in preislicher Hinsicht nur selten mit ausländischer Konkurrenz wettbewerbsfähig ist.

Starkes Interesse fand, wie bereits in New York und Mailand, mechanisches Spielzeug. Es war in vielen neuen Variationen vertreten. Das gilt gleichfalls für Elektrogeräte, für Haus- und Küchengeräte, für Herde und Öfen, für die Offenbacher Lederwaren und für die Kunststoff-Industrie. In den Ausstellungsständen der Möbel-Industrie dominierten raumsparende Möbel. Auch diesmal war wieder die Schmuckwaren-Industrie mit hervorragenden Spitzenleistungen vertreten. Die Erzeugnisse der jetzt in Hamburg ansässigen Staatlichen Bernsteinmanufaktur Königsberg erweckten starke Aufmerksamkeit. Die soliden Fertighäuser, im Freigelände ausgestellt von Firmen aus Albersdorf (Holstein), Peine und Wietzen (Weser), fanden naturgemäß viele deutsche Interessenten.

Ein weiterer Anziehungspunkt waren der ERP-Pavillon sowie der dem Brandenburger Tor nachgebildete Berliner Pavillon. Den Hansehof beherrschten Bremen und Hamburg. Während Bremen einen Einblick in die wichtigsten überseeischen Rohstoffeinfuhren gewährte, die die Grundlage der Erzeugung deutscher Fertigwaren darstellen, zeigte Hamburg an einem großen Modell die vielseitigen Leistungen seines Hafens. Ohne Messeschlager

Besondere Messeschlager fehlten, wenn man von dem kleinen Wochenendkoffer (mit Zelt, zwei Klappbetten und Tisch als Inhalt), einem mit einem Teewagen verbundenen Raumheizgerät, einem neuen Staubsaugertyp, einem winzigen Taschen-Parfümzerstäuber und einem durch automatischen Verschluß gesicherten Lippenstift absieht.

Ausländische und inländische Besucher waren von der großzügigen und geschmackvollen Ausgestaltung dieser Messe angenehm überrascht. Die blumenreichen Anlagen zwischen den einzelnen Hallen boten ein farbenfreudiges Bild. In den Hallen selbst waren dann zahlreiche Ausstellungsgegenstände von einer ungewöhnlich eindrucksvollen Wirkung. Den imposanten Mittelpunkt der Halle I stellte der prächtige Pavillon der Continental-Werke dar. Auch der Stand des Hamburger Juweliers Goldemann war von erlesenem Geschmack. Die Halle IV wurde von dem Pavillon der Textilfabrik Göcke & Sohn, Hohenlimburg, beherrscht, die ihn mit einer verwirrenden Fülle modisch bedruckter Stoffe geschmückt hatte. Sehenswert war auch die Schau sanitärer Erzeugnisse, die die Rendsburger Ahlmann-Carlshütte zeigte.

Obwohl man bei einem Rundgang in der 8 Hallen durchaus den Eindruck erhielt, daß die Messeleitung in der Auswahl der Aussteller strenge Maßstäbe angelegt hatte (da; Kunstgewerbe stellte nur noch eine Reihe beste) Firmen und Leistungen), so würde eine noch strengere Auslese gewiß eine weitere Straffung erreicht haben, Vielleicht hätte man es sogar ermöglicht, die in der für solche Zwecke etwa: zu abseits gelegenen Halle VIII untergebracht gewesenen rührigen Firmen der Berliner Bekleidungsindustrie günstiger zu placieren. Sie hätten es verdient gehabt, nachdem ihre Vertreter und ihre ausgezeichneten Kollektionen mit Unterstützung der britischen Militärregierung mühevoll über die Luftbrücke ausgeflogen worden waren. Sinnend blickten die Berliner Kaufleute auf die im Frühlingswind flatternde rote Flagge der UdSSR inmitten des Fahnenwaldes der Nationen und fragten sich, ob ihnen künftige internationale Gespräche wohl bald eine Erlösung aus ihrer exponierten Lage bringen würden. Vielleicht war ihnen und damit dem gesamten deutschen Wirtschaftsleben das friedliche Nebeneinander der bunten Flaggen ein gutes Omen ...