III. Märchenwelt und Dokument – Wer warum ins Kino geht – Menschen statt Typen

Von Jan Molitor

Es ist an dieser Stelle („Die Zeit“ vom 14. und 21. April) die Rede davon gewesen,. woran der junge deutsche Film krankt und was die „Ärzte“ dagegen verschreiben möchten: die Filmproduktion benötige stärkere Kräftekonzentration und weniger offizielle „Lenkung“. Produzenten warnen, daß der Filmverleih zu mächtig werde: Es sei wieder üblich. Filme zu Zweidrittel ihrer Produktionskosten vom Verleih finanzieren zu lassen, es sei natürlich, daß den Verleihern das gute Geschäft mehr am Herzen läge als der gute Geschmack. Worauf die Verleiher erwidern: Wieso eigentlich müsse ein Film, der auf den Erfolg beim großen Publikum zielt, ein geschmackloser Film sein? Interessant das Ergebnis einer Rundfrage: „Wonach treffen Sie die Wahl der Filme, die Sie sehen?“ Sehr häufige Antwort, typisch für das Durchschnittspublikum: „Ich suche mir die Filme nach den Schauspielern aus.“ Weniger häufig eine andere Antwort: typisch für das kritischere Publikum: „Ich wähle den Film nach seinem Inhalt“ und „Ich lese die Filmreferate in der Zeitung“ und „Ich lasse mir die Filme von Bekannten empfehlen. Ein guter Film hat gute Nachrede.“ Aber die häfigste Antwort (sogar auch bei dem Teile des Publikums, das früher das Theater bevorzugte und, weil das Geld knapp wurde, ins Kino geht): „Ich gehe jede Woche einmal ins Kino. Egal, was es gibt...“

Wie denn? Die meisten Leute – soweit sienicht regelmäßig (allwöchentlich oder allmonatlich) ins Kino gehen – wählen die Filme nach den Schauspielern und nicht nach dem Stoff, nicht nach dem Regisseur? Der Schauspieler macht’s, die Schauspielerin! Voraussetzung ist allerdings, daß der „Star“ Popularität genießt. Durch keinen anderen Anlaß ist einem Künstler soviel Popularität zuteil geworden als durch die Erfindung des Films. Hat da eine Niveau-Senkung des allgemeinen Geschmacks stattgefunden?

Einmal haben sich die Leute (auch die Unmusikalischen) um einen Franz Liszt schier zerrissen, „nur“ weil er so wunderbar Klavier spielen konnte. Und einer Jenny Lind zu Ehren, der „Schwedischen Nachtigall“, haben die Leute die Pferde aus- und sich selber an die Deichsel gespannt, „nur“ weil sie herrlich singen konnte. Heute können ähnlich enthusiastische Ehrungen nur einem Filmstar zustoßen. Es hat zu den Zeiten, da die Virtuosen die allerbreiteste Gunst genossen, viele Menschen gegeben, die nie den Namen eines Liszt oder Paganini gehört hatten, obwohl es auch damals schon im Geheimen etwas wie Propaganda gab, die nicht nur Lorbeerkränze ihnen um die Stirn legte, sondern ihre Gestalten mit einem Blumengeflecht von Skandalgeschichten umgab. Aber wer Greta Garbo ist, weiß in der heutigen Welt so gut wie jeder.

Ja, der Filmstar an sich ist die populäre Erscheinung der Gegenwart. Verhimmelte, angebetete Sagengestalten – so schweben die Filmstars in vielen Ländern über dem Alltag. Volksgunst hat sie zu Halbgöttern gemacht, zu Vorbildern, die in den Großstädten bestimmen, wie man sich bewegt und wie man lächelt und in welchem Tone man Liebeserklärungen macht. Und Filmstar zu werden – davon träumen trotz der Trümmer und Trümmerfilme auch in Deutschland noch die jungen Mädchen.

In einem Meinen rheinischen Städtchen hing unlängst ein Plakat; fette Schlagzeilen leuchteten: „Wer will zum Film?“, und es folgte die Ankündigung, man werde die Talente auf einem „Ball mit Schönheitskonkurrenz“ auswählen. Die Veranstaltung war überfüllt. Die Mädchen, denen die Filmlaufbahn versprochen war, drängten sich. Vom Film war natürlich niemand zugegen außer einem Edelkomparsen a.D., der früher in Babelsberg-Ufastadt für zwanzig Mark Tagesgage vor der Kamera gewirkt hatte ...