Von Ernst Robert Curtius

„Unsere Zukunft und Goethe“ nennt der Philosoph Karl Jaspers eine „kritische Auseinandersetzung“ mit dem Dichter, die demnächst im Storm-Verlag; Bremen, erscheint. Auf einen daraus veröffentlichten Beitrag „Auflehnung gegen Goethe“ antwortete der Romanist der Universität Bonn Prof. Ernst Robert Curtius („Die Zeit“ würdigte kürzlich sein bedeutendes Werk „Europäische Literaturgeschichte und lateinisches Mittelalter“ eingehend) in einer kritischen Stellungnahme, die wir der Schweizer Zeitung „Die Tat“ entnehmen.

Mit ungewöhnlichem Taktgefühl hatte Karl Jaspers die Verleihung des Frankfurter Goethepreises benutzt, um eine Rede gegen Goethe zu halten, die man in der Heidelberger Zeitschrift „Die Wandlung“ lesen konnte. Häuften sich in der Redaktion die Proteste? Nichts läßt darauf schließen. Vielleicht hat man die Entgleisungen des gefeierten Existenzphilosophen nicht so wichtig genommen. Wie sehr wir das verstehen! Aber den Philosophen ließ das nicht rufen. Die „Welt am Sonntag“ vom 20. März 1949 bringt – vielleicht zur Erinnerung an Goethes Todestag, den 22. März – unter dem Titel „Auflehnung gegen Goethe?“ einen Beitrag von Jaspers, der als „kritische Untersuchung“ bezeichnet und dem demnächst erscheinenden Buch „Unsere Zukunft und Goethe“ entnommen ist. Zum zweitenmal werden wir belehrt, was wir von Goethe zu halten haben, und zwar von einem „Meister in der Kunst literarischer Deutung“. Denn dies ist Jaspers nach Ausweis des neuesten Konservationslexikons. Wir werden in diesem jüngsten Meisterstück auf eine weitere, die dritte Goetheschrift von Jaspers verwiesen, die unter dem Titel „Unsere Zukunft und Goethe“ demnächst erscheinen soll. „Du mußt es dreimal sagen!“ – nach diesem Dichterwort scheint der Basler Denker zu verfahren.

*

Ich glaube nicht der einzige Bewohner des deutschen Sprachgebietes zu sein, der die überhebliche Abkanzelung Goethes durch einen Jaspers als Mißton im deutschen Geisterkonzert empfunden hat. Man konnte annehmen, daß er bald verhallt sein würde, und Goethes Rat befolgen:

Wirbelwind und trocknen Kot, Laß sie drehn und stäuben.

Wenn Jaspers aber zu neuen Streichen in dieselbe Kerbe ausholt, dann wollen wir uns stellen.