Inzwischen besteht nun wirklich kein Zweifel mehr darüber: die Russen wollen wieder ins Gespräch kommen, obgleich ihnen klargeworden sein dürfte, daß zuvor die Blockade aufgehoben werden muß. Was die Einstellung der Westmächte zu diesem Vorhaben anbetrifft, so zeigte die Rekordleistung der Luftbrücke am Ostersonntag – die den Russen noch einmal die Unwirksamkeit ihrer Berliner Blockade vor Augen führen sollte – daß die Westmächte derartigen Verhandlungen keineswegs uninteressiert oder gar ablehnend gegenüberstehen. Ob es wirtschaftliche Überlegungen waren oder politische Spekulationen im Hinblick auf die Verzögerung der Errichtung des westdeutschen Staates, welche die Sowjets zu der schon vor längerer Zeit begonnenen Friedensoffensive bewogen haben, sei dahingestellt. Fest steht nur eins, daß lediglich ein Wechsel der Methode, nicht der Zielsetzung stattgefunden hat. Ein ständiger Wechsel der Methode „Die Revolution in Permanenz“, das ist das Gesetz aller totalitären Staaten – sie sind wie Papierdrachen, die nur bei Wind steigen. Es muß ständig etwas los sein, Konsolidierung ist ihr Tod – „Einsatz“, Offensivgeist, Dynamik ihr Lebenselement. Als im Dezember 1947 Marshall die Viererbesprechungen in London abbrach, entfalteten die Sowjets ein Dauertrommelfeuer aggressiver Reden und Maßnahmen, das vom Auszug Sokolowskis aus dem Kontrollrat über den Beginn der Blockade bis zu den Wahlen im Dezember, das ganze Jahr 1948 mit unerträglicher Spannung erfüllte.

Als aber in den ersten Monaten dieses Jahres sich zeigte, daß dieser Trommelfeuer-Dauerzustand seinen dynamischen Charakter allmählich einbüßte, die Blockade zu einem gewissermaßen statischen Zustand wurde und der Westen mit dem Atlantikpakt das Gesetz des Handelns an sich riß, entschloß sich Moskau, seine Methode zu ändern. Das Kapitel „Kalter Krieg“ wurde zunächst einmal abgeschlossen und das neue mit der Überschrift „Friedliebende Völker vereinigt euch“ begonnen. Zunächst lud der östliche Volksrat die bisher so verachteten Politiker der Westzonen zu gemeinsamen Beratungen ein. Moskau ließ die Berliner Währungsreform ungestört über die Bühne gehen und protestierte gegen die Grenzberichtigungen im Westen. Man fordert mit Nachdruck die Wiederaufnahme des Interzonenhandels und nimmt jede Gelegenheit wahr, um die Solidarität der Deutschen diesseits und jenseits des Vorhangs zu betonen. Die nötige Weihe erfährt dieser „Heiße Friede“ schließlich durch den kommunistischen Friedenskongreß in Paris.

Das Ziel, dem die neue Methode gilt, ist noch immer das alte: Einfluß auf die westdeutsche Verwaltung und auf das Ruhrgebiet zu gewinnen. So bleibt denn nur die Frage, was die westlichen Alliierten wohl von gemeinsamen Deutschlandberatungen erwarten? Die Äußerung von Außenminister Schuman „irgendwie könnte ein westdeutscher und ein ostdeutscher Staat unter einen Hut kommen“, wenn die Ost-West-Besprechungen erfolgreich verliefen – könnte einen an jeder Logik demokratischer Politik verzweifeln lassen, wenn nicht feststände, daß derartige Verlautbarungen unverbindlich sind, weil Frankreich prekäre Situationen gern für eigene Zwecke nutzt, Amerika und England haben schließlich immer wieder betont, daß die Errichtung des Weststaates unter keinen Umständen verzögert werden würde.

Für eine westliche Verhandlungspolitik kann es immer nur ein Ziel geben: die Sowjets wieder dorthin zurückzudrängen, wo sie hingehören. Allerdings dürfte weder der Westen noch der Osten in der Lage sein, heute seine Absichten auf dem Verhandlungswege auch nur annäherungsweise durchzusetzen. Doch wäre die Aufhebung der Blockade ein Erfolg, der jede Bemühung rechtfertigen und der im übrigen die Richtigkeit der westlichen Politik in augenfälliger Weise bestätigen würde. Uns Deutschen aber sollte hieran deutlich werden, daß der kürzeste Weg zu unserem Ziel eines wieder geeinigten Deutschlands über den Weststaat führt. Dff.