Es ist ein Charakteristikum unserer Zeit, daß der Wiederaufbau des kulturellen Lebens auch da, wo er mit dem wirtschaftlichen eng verknüpft ist, mehr von persönlicher Initiative aus idealistischer Quelle zu erwarten hat als von der rein geschäftlichen Kalkulation alter Firmen, die sich zunächst einmal sanieren wollen. In diesem Sinne ist es kein Zufall, daß einer der ersten entscheidenden Schritte, um den deutschen Musikfreunden und Musikern die vernichteten Bestände an klassischen Meisterwerken zu ersetzen, von einem Außenseiter, einem echten Musikliebhaber, getan wurde, der damit sozusagen als Mäzen – nicht der großen Meister, aber eben seiner Mit-Musikfreunde – auftrat.

Der G. Henle Verlag (München-Duisburg), hinter dem ein verantwortungsfreudiger rheinischer Mann der Wirtschaft steht, bringt jetzt Neuausgaben der musikalischen Klassiker heraus, die nicht nur hinsichtlich des allgemeinen Materialmangels, sondern auch bezüglich der Textreinheit eine empfindliche Lücke ausfüllen. Sämtliche in der angelaufenen Serie veröffentlichten Werke werden grundsätzlich im Urtext geboten, also frei von den früher allgemein üblichen Zusätzen, besonders phrasierungstechnischer Art, mit denen der jeweilige Bearbeiter sich und seine „Auffassung“ in den Vordergrund schob – oft bis zur völligen Unkenntlichkeit der wahren Werkgestalt. (Man denke an Busonis Bach-Ausgaben, an Lamonds Beethoven und viele andere entsprechende Erscheinungen.) In diesen Henle-Ausgaben ist das originale Bild des Notentextes unangetastet geblieben bis auf Fingersatzangaben oder Strichart-Bezeichnungen, die den Sinn des Textes nicht berühren. Alles darüber hinaus „Erläuternde“, Erklärende, Anregende (vornehmlich die unerläßlichen Belehrungen über die Ausführung früher üblicher Abbreviaturen und Verzierungen) ist in beigefügte Anhänge verwiesen. Sehr verdienstvoll sind dabei Hinweise auf die richtige Tempoerfassung, nämlich aus dem technischen und klanglichen Charakter der Instrumente, für welche die Komponisten geschrieben haben.

Was diese Ausgaben obendrein auszeichnet, ist ihre solide, saubere Ausstattung, der klare Druck und der erschwingliche Preis. So kostet jeder der beiden Bände Mozart-Klaviersonaten (herausgegeben von Walter Lampe, Vorwort von Otto von Immer) 7,50 DM, der Band „Impromptus“ und „Moments musicaux“ von Schubert (Herausgeber Walter Gieseking) 4,50 DM. Weitere Werke von Mozart, Schubert, Beethoven und Brahms werden vorbereitet.

Eine erste „Deutsche Musikalienmesse“, die kürzlich in Detmold einen Überblick über die Gesamtproduktion der deutschen Musikverlage bot, erweckte bei den Besuchern hoffnungsvolle Eindrücke. Bei Licht besehen, handelte es sich dabei allerdings um die relative Leistungsfähigkeit einiger weniger Firmen, die indessen noch in gar keinem Verhältnis zu den Aufgaben steht, die der deutsche Musikverlag heute zu erfüllen hat. Es steht fest, daß diese Aufgaben ohne einen Zuschuß von privater Initiative und persönlicher Verantwortungsfreudigkeit, wie sie sich im Falle Henles betätigen, nicht bewältigt werden können. Die lebenden Komponisten freilich mögen hoffen, daß auch ihnen solche Kräfte einmal wirksam zu Hilfe kämen. A–th